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Zum journalistischen Leitbild von t-online.Rache an Terror-Funktionär Mächtiger Gaza-Clan fordert die Hamas heraus

Im Gazastreifen protestieren Menschen gegen das Hamas-Regime. Nun wurde ein Kommandeur auf offener Straße erschossen. Bröckelt die Macht der Islamisten?
Mitglieder eines großen palästinensischen Clans haben am Dienstag öffentlich Rache an einem Hamas-Funktionär geübt. Wie die "Times of Israel" berichtet, machte der Abu-Samra-Clan die Hamas dafür verantwortlich, ein Clanmitglied bei der Verteilung von Hilfsgütern erschossen zu haben.
Bewaffnete Mitglieder der Familie töteten das mutmaßliche Hamas-Mitglied auf offener Straße. Aufnahmen der Tat wurden im Internet verbreitet. Der Fall zeigt, wie tief der Unmut über die Terrororganisation in Teilen der Bevölkerung mittlerweile reicht.
Die Hamas wurde in den späten 1980er-Jahren als Ableger der ägyptischen Muslimbruderschaft gegründet und verfolgt das Ziel, Israel zu vernichten und einen islamistischen Staat auf dessen Gebiet zu errichten. 2006 gewann sie überraschend die palästinensischen Parlamentswahlen und übernahm ein Jahr später nach einem gewaltsamen Konflikt mit der Fatah die vollständige Kontrolle über den Gazastreifen. Seitdem beherrscht die Terrorgruppe das Gebiet mit Gewalt. Mit den Massakern am 7. Oktober 2023 in Israel löste die Hamas den Krieg aus, der bis heute andauert.
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Hamas geht brutal gegen Kritiker vor
Trotz des Krieges und massiver Verluste hat die Hamas noch immer die Kontrolle über den Gazastreifen. Doch seit Ende März kommt es zu lauten Protesten, Tausende Menschen gingen bereits gegen die Hamas-Herrschaft auf die Straßen. Die Demonstrationen begannen als Proteste gegen die humanitäre Lage, richten sich nun aber zunehmend gegen die Islamisten. Videos zeigen Palästinenser, die Slogans wie "Hamas raus" rufen. Angestoßen wurden die Proteste von jungen Aktivisten, lokalen Clans und Intellektuellen – unterstützt auch von Teilen der palästinensischen Diaspora.
Die Hamas tat die Proteste zunächst ab und erklärte, die Demonstranten würden eigentlich gegen Israel protestieren. Sie ging dann jedoch schnell wieder zur Einschüchterung über. Aktivisten berichteten, dass Hamas-Funktionäre in Zivil in Protestzelte kamen und mit Rache drohten. Dann folgten gezielte Vergeltungsaktionen.
Laut Menschenrechtsorganisationen und lokalen Beobachtern wurden mindestens sechs Personen getötet, darunter ein 22-Jähriger. Er war zuvor an den Demonstrationen beteiligt gewesen. Seine Familie berichtet, dass seine Leiche nach stundenlanger Folter öffentlich zur Schau gestellt wurde.
Können Clans die Herrschaft der Hamas brechen?
Während die Hamas die Zivilbevölkerung terrorisiert, treten Clans wie die Abu Samra in Deir al-Balah oder der Doghmush-Clan in Gaza-Stadt zunehmend als Machtfaktor auf. In der Vergangenheit kam es bereits mehrfach zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen ihnen und der Hamas, unter anderem wegen der Verteilung von Hilfsgütern.
In Teilen der Bevölkerung gelten die Großfamilien als Gegenmodell zur autoritären Herrschaft der Islamisten. Auch Israel hat in der Vergangenheit versucht, Kontakt zu den Clans aufzunehmen und ihre Mitglieder zu bewaffnen, mit der Aussicht, sie in eine mögliche Nachkriegsordnung zu integrieren.
Militärischer Druck aus Israel
Israel setzt derweil auf eine Strategie des maximalen militärischen Drucks. Nachdem ein 42-tägiger Waffenstillstand Mitte März ausgelaufen war, nahm die Armee ihre Angriffe wieder auf. Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte daraufhin, die Demonstrationen gegen die Hamas würden beweisen, dass die israelische Offensive Wirkung zeigt. Die Kundgebungen seien ein Zeichen dafür, dass die Bewohner des Gazastreifens sich gegen das Hamas-Regime auflehnen, so Netanjahu.
Israels Verteidigungsminister Israel Katz ging noch weiter und nahm die Palästinenser direkt in die Pflicht, "jetzt für die Vertreibung der Hamas und die Rückführung aller Geiseln aktiv zu werden". Das sei der einzige Weg, den Krieg zu beenden. Israel wolle derweil die Bodeneinsätze weiter ausweiten und Teile des Gazastreifens dauerhaft einnehmen, sagte Katz in derselben Mitteilung.
Laut Regierungsbeamten zielt Israel darauf ab, 25 Prozent des Küstenstreifens zu besetzen, der in etwa halb so groß wie Hamburg ist. Dazu hat die Regierung die Anzahl der israelischen Streitkräfte (IDF) erhöht sowie systematisch Gebäude im Norden und Süden zerstört, um eine "Sicherheitszone" zu schaffen.
Je länger sich die Hamas weigere, Geiseln freizulassen, desto mehr Territorium werde sie an Israel verlieren, sagte Verteidigungsminister Katz. Außerdem hat Israel die Lieferung von Hilfsgütern in den Gazastreifen blockiert – laut der UN mit schlimmen Folgen: "Wir sind am Ende unserer Vorräte angelangt", hieß es am Mittwoch in einer Mitteilung der Organisation. Backstuben hätten schließen müssen, weil es kein Mehl und kein Gas mehr zum Kochen gebe.
Hamas weiter handlungsfähig
Trotz der militärischen Offensive, der katastrophalen humanitären Lage und wachsender innerpalästinensischer Kritik bleibt die Hamas offenbar weitgehend intakt. Nach israelischen Angaben hatte die Organisation vor Kriegsbeginn rund 30.000 bewaffnete Angehörige. Etwa 17.000 von ihnen seien getötet, Tausende weitere gefangen genommen worden. Doch nach US-Geheimdienstinformationen soll die Gruppe seit Kriegsbeginn 15.000 neue Kämpfer rekrutiert haben.
Die Islamisten haben zudem ein unterirdisches Netzwerk von Tunneln geschaffen, das 700 Kilometer lang und stellenweise bis zu 80 Meter tief ist. Bei ihren Angriffen hat Israels Armee nach Angaben der UN rund 70 Prozent der Gebäude in Gaza zerstört und 90 Prozent der Bevölkerung vertrieben. Doch laut Experten ist noch knapp die Hälfte des Tunnelnetzwerks intakt.
Viele der Waffenlager, Kommandostrukturen und Rückzugsorte dürften sich in diesen Anlagen befinden. Außerdem ist auch die finanzielle Infrastruktur der Hamas nach wie vor intakt. Das internationale Spendenaufkommen hat durch den Krieg sogar noch zugenommen, berichtet der "Spiegel".
Wachsende Kritik an der Hamas – aber keine Alternative
Auch das Verwaltungssystem der Hamas ist trotz der Angriffe weiterhin funktionsfähig. Nach dem Rückzug israelischer Truppen aus Teilen des Gazastreifens patrouillierten wieder bewaffnete Mitglieder der Hamas auf den Straßen. Rund 50.000 Beschäftigte in Gesundheitswesen, Zivilschutz und anderen Behörden stehen laut Recherchen von "Haaretz" unter dem Einfluss der Islamisten. Hinzu kommt, dass die Hamas die Gerichtsbarkeit, die Moscheen und Teile des Bildungssystems kontrolliert – und so ihre ideologische Vorherrschaft sichert.
Zwar zeigen Meinungsumfragen wie die des Palestinian Center for Policy and Survey Research, dass die Unterstützung für die Hamas gesunken ist: Im Juni 2024 hatte sie bei Bewohnern des Gazastreifens nur noch 38 Prozent Zustimmung. Dennoch bleibt sie die stärkste politische Kraft im Gazastreifen. Viele Menschen sehen im bewaffneten Widerstand weiterhin das einzige Mittel gegen Israel – besonders angesichts von Zehntausenden Toten und der weitgehenden Zerstörung des Gebiets seit dem 7. Oktober 2023.
Ein Sturz der Hamas erscheint daher zumindest kurzfristig unwahrscheinlich. Beobachter wie Meinungsforscher Khalil Shikaki warnen im "Spiegel" zudem vor einem Machtvakuum: Ohne funktionierende Nachfolgeinstitution drohten Chaos und womöglich ein Bürgerkrieg. Auch Israel hat bislang keinen konkreten Plan vorgelegt, wie eine Nachkriegsordnung im Gazastreifen aussehen soll. Der Protest aus der Bevölkerung, so mutig er auch ist, dürfte daran vorerst nichts ändern.
- timesofisrael.com: Gazan clan executes alleged Hamas operative who killed one of their relatives (Englisch)
- timesofisrael.com: Hamas said to execute leader of Gaza’s powerful Doghmush clan (Englisch)
- timesofisrael.com: Israel considering arming Gazan civilians to secure aid transfers — report (Englisch)
- timesofisrael.com: Hamas claims growing Gaza protests against its rule actually aimed at Israel (Englisch)
- thearabweekly.com: Clan-backed protests against Hamas in Gaza persist despite threats from militant groups (Englisch)
- newarab.com: Israel plans to occupy 25 percent of Gaza to pressure Hamas to release captives: report (Englisch)
- spiegel.de: Die Rache der Hamas (kostenpflichtig)
- spiegel.de: Gaza zerstört, Hamas intakt (kostenpflichtig)
- Mit Material der Nachrichtenagentur dpa
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