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Vor Trumps Zollkrieg: "Wir dürfen nicht in Panik verfallen"


Vor Trumps großem Zollkrieg
"Dann hat Trump uns sogar einen Gefallen getan"

  • Bastian Brauns
InterviewVon Bastian Brauns

02.04.2025Lesedauer: 5 Min.
US-Präsident Donald Trump am Vortag seines "Liberation Day": Zölle, die die Welt noch nicht gesehen hat.Vergrößern des Bildes
US-Präsident Donald Trump am Vortag seines "Liberation Day": Zölle, die die Welt noch nicht gesehen hat. (Quelle: IMAGO/CNP/AdMedia)
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Trumps Handelszölle könnten die europäische Wirtschaft in Bedrängnis bringen – und das deutsche Saarland ganz besonders. Der dortige Wirtschaftsminister Jürgen Barke sieht darin aber auch eine einmalige Chance.

Bastian Brauns berichtet aus Washington

Die radikalen Handelszölle, die Donald Trump in Aussicht stellt, könnten tiefgreifende Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft haben – insbesondere auf Deutschland. Ein Beispiel für die dramatischen Folgen der Strafzölle lässt sich im kleinen Saarland beobachten, das mit seiner starken Industrie- und Exportorientierung besonders betroffen wäre.

Jürgen Barke, der Wirtschaftsminister des Saarlandes, erklärt im Gespräch mit t-online, warum Europa entschlossen reagieren muss, welche Gefahren er für die Weltwirtschaft sieht und warum Trump strategisch Chaos stiftet, um seine Verhandlungsposition zu stärken.

t-online: Herr Minister, das Saarland hat im Bundesrat eine zentrale Rolle bei der aktuellen Debatte über Trumps Handelszölle eingenommen und die EU zum dringenden Handeln aufgefordert. Mit welchem Gefühl blicken Sie auf die drastischen Entscheidungen, die heute in Washington erwartet werden?

Jürgen Barke: Das Saarland ist im Vergleich zu anderen Bundesländern besonders stark von der Industrie geprägt. Wir haben die höchste Industriequote und eine hohe Exportorientierung, insbesondere in die USA. Unsere Branchen wie der Stahl-, Maschinen- und Anlagenbau würden von Strafzöllen stark betroffen sein.

Das klingt dramatisch.

Auf der anderen Seite muss man aber sehen: Unsere Produkte werden in den USA gekauft, weil sie dort nicht in der gleichen Qualität oder Menge verfügbar sind. Wenn sie durch Zölle verteuert werden, bedeutet das entweder höhere Preise für die Verbraucher oder teurere Produktionskosten für amerikanische Unternehmen. Das schadet letztlich allen Beteiligten.

Donald Trump hat oft argumentiert, dass Amerikaner einfach mehr einheimische Produkte kaufen sollten. Was halten Sie von dieser Position?

Die Vorstellung, dass man einfach auf amerikanische Produkte umsteigen kann, greift zu kurz. Es gibt in den USA viele Menschen, die moderne und effiziente Produkte wollen, die dort nicht in ausreichender Menge produziert werden. Zudem sind die Bau- und Lohnkosten in den USA hoch, was es nicht gerade einfacher macht, schnell neue Produktionsstätten aufzubauen. Unternehmen können nicht von heute auf morgen entscheiden, dort zu produzieren, wenn der Markt langfristig unsicher ist.

Sie befürchten also auch negative wirtschaftliche Folgen für die USA selbst?

Ganz klar. Diese Maßnahmen werden die Inflation weiter antreiben und könnten die USA in eine Rezession stürzen. Trump hat sich immer damit gebrüstet, dass er wirtschaftlich erfolgreich war, aber wenn er nicht dafür sorgt, dass die Kosten sinken und die Inflation zurückgeht, wird er ein Problem bekommen. Die Wähler erinnern sich daran, ob es ihnen früher besser ging als jetzt.

Könnte Europa dann nicht einfach abwarten und sich darauf verlassen, dass Trump einknicken muss und die Maßnahmen nicht lange Bestand haben?

Nein, so einfach ist das nicht. Wir müssen uns jetzt auch vor sogenannten Handelsumlenkungen schützen. Wenn China seinen Stahl nicht mehr in die USA verkaufen kann, könnte er verstärkt auf den europäischen Markt umgeleitet werden. Die Chinesen produzieren zu Preisen, mit denen wir nicht konkurrieren können. Wir brauchen deshalb Schutzmechanismen an den europäischen Grenzen. Gleichzeitig müssen wir unsere eigene Wirtschaft stärken, indem wir die Binnennachfrage ankurbeln und bessere Rahmenbedingungen für die Produktion in Deutschland schaffen, etwa bei den Energiekosten.

Ist Europa stark genug, um dem Druck aus den USA standzuhalten?

Absolut, Europa ist die größte Volkswirtschaft der Welt. Wir sollten selbstbewusst auftreten und bereit sein, mit Gegenzöllen zu reagieren. Die EU-Kommission hat bereits angedeutet, dass sie gezielt Produkte aus republikanisch geprägten Bundesstaaten ins Visier nehmen könnte. Das wird Auswirkungen haben.

Ist das nicht eher symbolisch? Harley-Davidsons und Whiskey kann man zwar Zöllen belegen. Aber viele dieser Produkte sind für Liebhaber und machen eher einen kleinen Teil der Importe aus.

Unsere Haltung war immer: Das Beste hoffen und auf das Schlimmste vorbereitet sein. Wir müssen davon ausgehen, dass an diesem "Liberation Day" entsprechende Maßnahmen verkündet werden. Trump hat schon ein sehr perfides System. Wenn er alles umsetzen würde, was er schon angekündigt hat – also Zölle, Panama-Kanal, Grönland und Kanada und was noch alles ist – ist er in der Lage, die Weltwirtschaft in ein tiefes Chaos zu stürzen.

Zur Person

Jürgen Barke, Jahrgang 1965, ist seit 2022 Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitales und Energie des Saarlandes. Zuvor war der SPD-Politiker als Staatssekretär im Wirtschaftsministerium und hat sich intensiv mit Strukturwandel und Industriepolitik beschäftigt.

Das klingt, als wäre man dagegen im Grund machtlos.

Was ich damit sagen will: Es steckt meines Erachtens mehr Intelligenz dahinter, als manch einer glaubt. Trump und sein Team kündigen immer Maßnahmen an. Dann ziehen sie wieder zurück. Sie begeben sich in eine Verhandlungsposition, bei der sie versuchen, sukzessive und eben nicht an allen Fronten zu kämpfen. Sie wollen Chaos stiften, aber organisiert. Sie wollen ein Umfeld von Angst schaffen, weil sie glauben, so ihre Position in Verhandlungen stärken zu können.

Und wie sollten wir darauf reagieren?

Wir dürfen darauf nicht hereinfallen. Es geht darum, nicht sofort in Panik zu verfallen oder vorzeitig Zugeständnisse zu machen. Vielmehr müssen wir klar zeigen, dass wir bereit sind, zu verhandeln, aber auch entschlossen reagieren können. Ein Handelskrieg wäre für alle Beteiligten schädlich, das wissen auch die US-Entscheidungsträger.

Sie glauben also nach wie vor an eine Verhandlungslösung?

Ja, das ist unsere feste Überzeugung. Wir müssen mit diplomatischen Mitteln eine Eskalation verhindern. Handelskriege schaden nicht nur der deutschen und europäischen Wirtschaft, sondern auch der amerikanischen. Am Ende leiden sowohl Arbeitnehmer als auch Verbraucher. Auch in den USA gibt es genügend kluge Köpfe, die das verstehen. Deshalb setzen wir auf einen klaren, aber auch besonnenen Kurs.

Dafür muss Europa geeint auftreten. Die Volkswirtschaften haben aber oft ganz unterschiedlich gelagerte Interessen. Wie soll das gelingen, ohne dass Trump die EU-Staaten auseinandertreibt?

Als politischer Dinosaurier erinnere ich mich gut an die früheren Deals in Europa. Die Achse Deutschland-Frankreich funktionierte, weil wir unsere unterschiedlichen Interessen – bei uns Industrie, bei Frankreich Agrar – gegenseitig unterstützt haben. So fand man Mehrheiten, die allen dienten. Für die aktuellen Handelskonflikte bedeutet das: Europa muss sich auf die Interessen der meisten Mitgliedsstaaten verständigen. Nur durch diesen Schulterschluss erreichen wir die nötige Durchschlagskraft. Trumps Ziel könnte genau sein, uns in bilaterale Verhandlungen zu drängen und unsere Interessen gegeneinander auszuspielen. Da dürfen wir nicht auf den Leim gehen.

Was schlagen Sie also vor?

Wir brauchen in diesen Fragen Mehrheitsentscheidungen in der EU, die so getroffen werden, dass sich alle gut aufgehoben fühlen. Ironischerweise leistet Trump ja einen enormen Beitrag dazu, die EU als größte Volkswirtschaft der Welt zu einen wie nie zuvor. Wenn wir jetzt die richtigen Schritte gehen, hat er uns unter Umständen sogar einen Gefallen getan.

Verwendete Quellen
  • Video-Interview mit Jürgen Barke
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