Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung übernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.
Was Meinungen von Nachrichten unterscheidet.Kolumne "Russendisko" Putin kennt Trumps Schwachstelle ganz genau

Donald Trump gibt den starken Mann, doch Wladimir Putin weiß den US-Präsidenten zu nehmen. Denn der Kremlchef ist KGB-geschult, meint Wladimir Kaminer.
Am 8. Dezember 1985 hatte ein dicker Polizist in Moskau meinen Pass einkassiert. Damals beschlossen meine Freunde und ich, den fünften Todestag von John Lennon nachträglich im Schnee zu begehen, es sollte eine Art Happening werden. Wir haben in einem Hinterhof Musikboxen aufgestellt, Feuer gemacht und die alten sowjetischen Schallplatten in einem Kochkessel schmelzen lassen. Dazu sangen wir "All you need ist love".
Es war die Zeit der Perestroika, keiner von uns wusste genau, was noch verboten und was schon erlaubt war. Draußen waren es 18 Grad Celsius im Minusbereich, bei der Kälte rechneten wir nicht mit vielen Zuschauern. Doch für uns völlig unerwartet bekam unsere Feier eine zu große Aufmerksamkeit, statt 50 Gästen kamen 500. Die geschmolzenen Platten stanken, aufrechte Bürger riefen die Polizei, die Show wurde vorzeitig beendet.

Zur Person
Wladimir Kaminer ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit Jahrzehnten in Deutschland. Zu seinen bekanntesten Werken gehört "Russendisko". Sein neuestes Buch "Mahlzeit! Geschichten von Europas Tischen" erschien am 28. August 2024.
Eine Polizeimannschaft suchte die Verantwortlichen für die Ruhestörung, deren Chef, der dicke Polizist, sammelte unsere Papiere ein und schickte uns nach Hause. Drei Tage später bekam ich eine Vorladung zu einem Gespräch mit einem Mitarbeiter der Staatssicherheit, der anscheinend in der Abteilung für dumme Jungs mit Kulturanspruch seinen Dienst leistete, also für uns zuständig war. Das Gespräch dauerte dreieinhalb Stunden, der Mann trug eine Jeansjacke und war übertrieben nett. Er outete sich gleich zu Beginn unserer Unterhaltung als großer Beatles-Fan, kannte alle Platten und schmeichelte mir, ich sei ein "Botschafter der neuen Kultur".
Aha, dachte ich. Ich hatte mir dieses Gespräch eigentlich anders vorgestellt. Der KGB-Mann fragte mich über meine Musikvorlieben aus, sie waren mit seinen identisch. Ich bekam meinen Pass zurück und musste mich zu nichts verpflichten. Das Einzige, was der Mann von mir wollte, war, das nächste Mal, wenn wir so etwas planen würden, vorher unterrichtet zu werden. Einfach nur so, privat. Er wollte dabei sein, mitsingen und mittanzen. Er versprach sogar, mir ein Poster zu schenken.
Lieber kein Geschenk
Aha-ha, dachte ich noch einmal und blieb zurückhaltend. Innerlich amüsierte ich mich jedoch über alle Maßen. Allein die Vorstellung, dass der KGB-Mann bei uns im Hinterhof "All you need is love" mitsingen könnte, fand ich äußerst lustig. In der kleinen handlichen KGB-Broschüre "Grundlagen und praktische Tipps zum Anwerben von Informanten", die zu diesem Zeitpunkt nur die Faulen bei uns nicht gelesen hatten, weil sie überall kursierte, war genau dieses Gespräch beschrieben, mit dem abschließendem Vorschlag, dem künftigen Informanten "etwas zu schenken oder ein Geschenk in Aussicht zu stellen".
Damals hinterließ das Gespräch ein merkwürdiges Gefühl bei mir. Ehrlich gesagt, ich hatte mehr erwartet als ein Poster. Wer fällt auf eine solch billige Masche überhaupt rein? Heute kenne ich die Antwort: Amerikanische Präsidenten tun es, besonders wenn sie zu den Republikanern gehören. Und Putin weiß sie mit richtigen Gaben zu beschenken. Als George W. Bush 2008 Putin besuchte, wollte der Amerikaner die Ukraine in die Nato aufnehmen.
Das war dem russischen Kollegen ein Dorn im Auge. Er wusste, wo Bushs Schwächen liegen, wusste von der besonderen Gläubigkeit des amerikanischen Präsidenten und schenkte ihm, nun ja, ein Zinnkreuz. Aber nicht irgendeines, sondern einen Heilsbringer. Bei einem Brand, den er in seiner Kindheit erlebt hatte, war alles in Flammen aufgegangen und nur dieses Kreuz, so erzählte es Putin, sei unversehrt geblieben. Seitdem trage er das Kreuzchen als Glücksbringer und Schutzamulett, wollte es Bush jedoch schenken, weil der es nötiger habe.
Der amerikanische Kollege war sichtlich berührt, was für ein feinfühliger Mensch, dieser KGBler! Er habe dem russischen Präsidenten "tief in die Augen gesehen und seine gute Seele entdeckt", sagte Bush danach. Heute glaubt die russische Führung, die Ukraine zerstören zu können, wenn die amerikanischen Waffenlieferungen nur ausbleiben. Ein Kreuz für Trump sollte aber schon aus Gold und in dessen Körpergröße sein. Für Trump hat Putin jedoch ein besseres Geschenk gefunden. Nicht umsonst schwärmte der Sondergesandte der Vereinigten Staaten, Steve Witkoff, von Putin nach seinem neuerlichen Moskau-Besuch: "Was für ein toller Kerl!"
Die sowjetische Jugend war gewitzter
Putin hatte Witkoff erzählt, wie er nach dem Attentat auf Trump gelitten habe: Er konnte demnach nicht schlafen, war in Sorge, als die Nachricht kam, dass Donald Trump angeschossen wurde. Putin ließ wohl schnell ein Porträt Trumps malen und in seiner Kirche mit Taufwasser einweihen, er betete für Trump. Und nun, so sagte Putin, wolle er dem amerikanischen Präsidenten dieses Bild schenken. Der alte KGB-Hase wusste, was der US-Präsident am meisten auf diesem Planeten schätzt und liebt: nämlich sich selbst.
Witkoff war derart gerührt, dass er sogar das russische WiFi benutzte, um von Moskau aus an der inzwischen berühmt gewordenen "geheimen Sicherheitskonferenz der US-Regierung" teilzunehmen. Jetzt sind die russischen Geheimdienste wohl drin im Weißen Haus.
In den "praktischen Tipps zum Anwerben von Informanten" stand übrigens noch, man solle sich nicht beleidigt zeigen, wenn das Geschenk nicht angenommen werde. Einfach im Zweifelsfall weiter versuchen, der Trump lässt sich übermalen, dann dem nächsten schenken. Sollte es denn einen nächsten geben. Die alten Tipps funktionieren also noch. Tatsächlich, durch gespielte Empathie kann man die Menschen zu Entscheidungen bewegen, die ihnen selbst schaden. Zugegeben, nicht alle Menschen. Bei der sowjetischen Jugend hat es nicht funktioniert. Beim amerikanischen Präsidenten aber schon.