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Russland: Wie Alexander Puschkin einen Offizier zum Schreien brachte


Kolumne "Russendisko"
Wie Russlands Dichterfürst Verwirrung stiftete

MeinungEine Kolumne von Wladimir Kaminer

28.02.2025 - 08:51 UhrLesedauer: 4 Min.
Puschkin-Denkmal in Russland: In Israel führte eine seiner Schöpfungen zu Verwirrung.Vergrößern des Bildes
Puschkin-Denkmal in Russland: In Israel führte eine seiner Schöpfungen zu Verwirrung. (Quelle: Olaf Meinhardt/dpa)
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Alexander Puschkin gehört zu den berühmtesten Dichtern Russlands, allerdings kann sein Werk bisweilen zu Verstörung und Schreianfällen führen. Berichtet Wladimir Kaminer.

Die Verse des großen russischen Dichters Alexander Puschkin werden in Russland vergöttert, in anderen europäischen Sprachen hören sie sich merkwürdig fad und schwafelig an. Irgendwie lassen sich seine leichten und flinken Verse nicht gut übersetzen. Puschkin hat daneben auch die tollsten Märchen geschrieben, die Russland zu bieten hat. Das Märchen "Ruslan und Ljudmila" in Versform ist weltweit in seiner Version als Oper bekannt.

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Das Gedicht "Ein Eichbaum ragt am Meeresstrande" daraus beginnt mit einer Beschreibung eines Zauberwaldes:

"Ein Eichbaum ragt am Meeresstrande.
An goldener Kette festgemacht,
Kreist rund um seinen Stamm im Sande
Ein weiser Kater Tag und Nacht.
Geht's rechts, hört man ein Lied ihn surren,
Geht's linksherum – ein Märchen schnurren."

Diesen Text haben alle meine Landsleute in der Schule gelernt, in der Grundschule bereits, genauer gesagt, und selbstverständlich auf Russisch. Alle Kinder Russlands kennen den weisen Kater, der Märchen erzählt, fest am Baum angekettet, damit er nicht wegläuft. Doch jenseits des Landes kennt ihn so gut wie niemand. Diesem Umstand geschuldet, ist vor einigen Jahren in Israel eine wunderbare Geschichte entstanden. Sie wird von der Psychologin Victoria Reicher erzählt, die Geschichte von Hatul Madan.

Etwas verunglückt

Damals gab es in den Einberufungszentren der israelischen Armee noch zu wenig russischsprachige Mitarbeiter, aber es gab schon genug russischsprachige Jungs, die zur Armee gehen mussten. Und wenn sie des Hebräischen nicht mächtig waren oder die Sprache nur schlecht beherrschten, wurden sie zum Armeepsychologen geschickt, der herausfinden sollte, ob die frisch Einberufenen geistig gesund waren.

In der Regel führt ein Offizier für geistige Gesundheit Standardtests durch, der Soldat bekommt ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber: "Zeichnen Sie bitte einen Menschen, ein Haus, einen Baum." Diese Tests sind universal und von jeglichen Sprachkenntnissen unabhängig. Jeder Depp kann ein Haus malen. Eines Tages kam ein Soldat zum Test, der Offizier für geistige Gesundheit bat ihn, einen Baum zu zeichnen.

(Quelle: Frank May)

Zur Person

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit Jahrzehnten in Deutschland. Zu seinen bekanntesten Werken gehört "Russendisko". Sein neuestes Buch "Mahlzeit! Geschichten von Europas Tischen" erschien am 28. August 2024.

Der Junge war frisch aus Russland eingewandert, er hatte eine gute Fantasie und zeichnete einen Eichenbaum mit einem angeketteten Kater, wie im Märchen, er wollte seine schlichte Baum-Zeichnung ein wenig ausschmücken. Der Offizier für geistige Gesundheit schaute sich die Zeichnung an. Vom Papier blickte ihm ein kleines Würmchen entgegen, das sich sehr ungeschickt an einem Baum aufhängte. Statt des Seils benutzte das Würmchen eine Kette.

"Was ist das?", schnaubte der Offizier. Der Junge aus Russland suchte nach dem richtigen Wort, Katze heißt auf Hebräisch Hatul und Madan heißt so viel wie "Wissenschaftler oder jemand, der sich wissenschaftlich betätigt." Eigentlich passt diese Wortbildung nicht zu dem Kater aus dem Märchen, der war ja kein Akademiker, sondern nur weise. Aber ein anderes Wort fiel dem Jungen nicht ein. Also sagte er: Hatul Madan.

Ist doch klar!

Der Offizier für geistige Gesundheit war ein geborener Israeli. Für ihn bedeutete diese Wortschöpfung so etwas wie "eine Katze, die in der Wissenschaft tätig ist." Womit sich die Katze genau beschäftigt, war nicht klar. "Und was macht die Katze?", fragte der Ofizier angestrengt, weil die Darstellung eines Suizids ein Symptom für mangelnde geistige Gesundheit ist.

"Kommt darauf an", klärte ihn der Junge auf. Wenn sie dahin geht, er zeichnete einen Pfeil nach rechts, dann singt sie. Und wenn sie dahin geht – Pfeil nach links – erzählt sie Märchen.

"Wem?", wunderte sich der Offizier. "Wem erzählt sie Märchen?" Der Junge antwortete: "Sich selbst!" Als der Ofizier erfuhr, dass das erhängte Würmchen sich selbst Märchen erzählt, sah er seine eigene geistige Gesundheit in Gefahr. Er schickte den Jungen nach Hause und gab ihm noch einen Termin in der darauffolgenden Woche. Dann rief er seine Sekretärin, die auch aus Russland eingewandert war. Der Offizier wollte einen frischen Blick auf die Situation einholen. Er zeigte der Sekretärin das Bild und fragte, was das ihrer Meinung nach sein könne.

Die Frau sah einen Kater am Baum angekettet. "Hatul Madan", sagte sie. Zum ersten Mal im Leben schrie der Psychologe seine Sekretärin an. Er trank ein Glas kaltes Wasser und ging zu einem Kollegen, ein Stockwerk höher. "Kollege!", sagte er. "Ich kenne dich schon sehr lange, du bist ein normaler Mensch. Kannst Du mir bitte erklären, was das ist?" Er zeigte ihm die Zeichnung. Der Kollege, den er lange kannte, war ebenfalls in Russland zur Schule gegangen. Und der sagte: "Hatul Madan".

"Aber warum?", schrie der Psychologe. "Warum Hatul Madan?" "Das ist doch offensichtlich", sagte der Kollege. "Siehst Du diese Pfeile? Das bedeutet, wenn er nach rechts geht, singt er, wenn er nach links geht, erzählt er Märchen."

Die Geschichte lässt offen, ob der Offizier für geistige Gesundheit infolge dieses Vorfalls seine eigene geistige Gesundheit verlor. Aber inzwischen wissen alle israelischen Offiziere für geistige Gesundheit: Wenn Jungs während des Tests Eichenbäume mit einem angeketteten Tier zeichnen, kann man sich sicher sein, dass sie aus Russland kommen. Dort waren sogar die Katzen einmal Wissenschaftler.

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