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Zum journalistischen Leitbild von t-online.Trumps Zoll-Pläne "Zu nichts anderem führt die Zollpolitik Trumps"

Trumps neue Zölle auf europäische Waren versetzen der deutschen Wirtschaft einen bedeutenden Schlag. Eine Expertin ordnet die Folgen nun ein.
Während die Welt entsetzt auf die neuen US-Zölle blickt, ist Präsident Donald Trump hochzufrieden. Seine Zoll-"Operation" sei erfolgreich verlaufen, schrieb Trump am Donnerstag in seinem Onlinedienst Truth Social. "Der Patient lebt und erholt sich", belehrte er sein Publikum in der Manier eines Oberarztes. Ökonomen bezichtigen Trump dagegen einer äußerst riskanten Operation am offenen Herzen der Weltwirtschaft.
Auch die deutsche Wirtschaft könnte Trumps Zollpolitik empfindlich treffen – insbesondere da sie derzeit ohnehin in einer Krise steckt. t-online hat dazu mit Samina Sultan gesprochen, die am Institut der deutschen Wirtschaft zur internationalen Handelspolitik forscht.
- Zoll-Ankündigung: "Trumps Rede ist eine Kriegserklärung"
t-online: Frau Sultan, am Mittwoch hat Donald Trump einen neuen Abschnitt in der internationalen Handelspolitik eingeläutet. Muss die EU jetzt härter durchgreifen?
Samina Sultan: Bisher hat die EU versucht, den USA entgegenzukommen und durch Verhandlungen zu deeskalieren. Doch mit der jüngsten Eskalation durch die US-Regierung betreten wir eine neue Stufe. Die USA zeigen, dass sie bereit sind, den Handelskonflikt weiter zu verschärfen. Aus meiner Sicht muss die EU jetzt entschlossen reagieren und Gegenmaßnahmen ergreifen.
Wie könnten diese Gegenmaßnahmen konkret aussehen?
In Reaktion auf die Zölle der USA auf Stahl- und Aluminiumimporte ist für Mitte April geplant, bestimmte Waren aus den USA mit Zöllen zu belegen. Das betrifft zum einen Produkte, die bereits 2018 mit Zöllen belegt wurden – etwa Harley-Davidson-Motorräder, Jeans und Bourbon Whiskey. Daneben gibt es eine lange Liste an Waren, auf die ebenfalls Zölle erwogen werden. Die konkrete Auswahl betroffener Produkte steht hier allerdings noch aus. Insgesamt sollen die Maßnahmen dann gegenüber US-Importen im Wert von etwa 26 Milliarden Euro gelten.
Das ist der erste Schritt, der bis Mai erwartet wird?
Genau. Er ist aus meiner Sicht zwingend notwendig. Darüber hinaus zieht die EU weitere Maßnahmen in Betracht – zum Beispiel im Dienstleistungssektor, etwa bei den Tech-Riesen. Hier importieren wir mehr aus den USA, als wir dorthin exportieren, anders als im Warenhandel, wo wir mehr in die USA exportieren. Im Dienstleistungshandel sind die USA also leichter angreifbar durch unsere Gegenmaßnahmen, die ihnen den Zugang zum wichtigen EU-Markt erschweren würden.
Wie könnte man denn die US-Dienstleistungsexporte in die EU treffen?
Das wäre Neuland, bislang gibt es keine Blaupause dafür. Ein Beispiel wäre eine Digitalsteuer, wie sie Frankreich bereits mal hatte – bemessen etwa am Umsatz der Tech-Unternehmen oder der Nutzerzahlen. Alternativ könnte man über eine strengere Regulierung nachdenken, etwa ein Verbot personalisierter Werbung in der EU. Das würde das Geschäftsmodell großer Plattformen wie Google empfindlich treffen. Auch strengere Sanktionen bei Datenschutzverstößen wären denkbar. Wichtig ist: Dieses Drohpotenzial muss jetzt glaubhaft auf den Tisch kommen.

Zur Person
Dr. Samina Sultan ist Senior Economist am Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Zuvor war sie Referentin im Wissenschaftlichen Stab des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in internationalem Handel, europäischer Wirtschaftspolitik und Industriepolitik.
Glauben Sie wirklich, dass sich Donald Trump davon einschüchtern lässt?
Das ist schwer zu sagen. Aber es ist denkbar, dass der wirtschaftliche Druck – insbesondere vonseiten der US-Wirtschaft – steigen wird. Die Marktreaktionen an den Börsen weltweit sind bereits deutlich. Auch ein US-Präsident Trump kann sich auf Dauer wirtschaftlichen Realitäten nicht entziehen.
Trump verfolgt mit seiner Zollpolitik offenbar mehrere widersprüchliche Ziele: Er will Importe verringern und gleichzeitig Einnahmen durch Zölle erzielen. Kann das funktionieren?
Nein, Trumps Plan kann so nicht aufgehen. Man kann nicht gleichzeitig Importe reduzieren und hohe Zolleinnahmen erzielen. Diese widersprüchlichen Ziele zeigen die innere Unlogik der Trump'schen Politik. Die USA haben in der Vergangenheit stark vom Freihandel profitiert. Diese Politik wird ihnen langfristig nicht helfen. Alle Prognosen haben bis vor Kurzem noch ein vergleichsweise hohes Wachstum für die USA vorgesehen – der Handelskonflikt untergräbt das schon jetzt.
Durch die Zölle dürfte zudem die Inflation in den USA steigen.
Richtig. Die Inflation war bereits im US-Wahlkampf, den Trump gewonnen hat, das zentrale Thema. Sie betrifft die Menschen ganz unmittelbar. Eine weitere Preissteigerung wäre daher politisch hochbrisant – und wirtschaftlich problematisch. Doch zu nichts anderem führt die Zollpolitik Trumps.
- Durch Trumps Zollpolitik: Dieses Szenario droht jetzt in den USA
Was bedeutet die Zollpolitik für Deutschland und Europa?
Wir haben die neuen Zusatzzölle für die wichtigsten US-Handelspartner im Modell von Oxford Economics simuliert. Demnach beträgt der kumulierte wirtschaftliche Schaden für Deutschland über die vierjährige Amtszeit Trumps rund 200 Milliarden Euro, für die EU etwa 750 Milliarden Euro. Das deutsche BIP läge im Jahr 2028 um etwa anderthalb Prozent niedriger als ohne Zölle. Das ist für die ohnehin geschwächte deutsche Volkswirtschaft natürlich sehr schlecht.
Und was heißt das für Verbraucher?
Für deutsche Verbraucher werden die Effekte wahrscheinlich zunächst bei den angesprochenen Spezialprodukten wie Motorrädern oder Whiskey zu spüren sein. Durch die schlechtere Wirtschaftslage kann es aber auch zu Arbeitsplatzverlusten kommen – besonders in exportabhängigen Branchen wie dem Automobilsektor. Dieser steckt ohnehin mitten in der Transformation und ist bereits unter Druck. Zusätzliche Belastungen durch Zölle auf US-Exporte könnten für Zulieferer und Hersteller gravierende Folgen haben.
Haben Sie eine Schätzung, wie viele Arbeitsplätze betroffen sein könnten?
Wir haben dazu Modellrechnungen mit einem etwas anderen Szenario bezüglich der Zollpolitik. Das lässt sich grob übertragen. Das könnte Deutschland rund 150.000 Jobs kosten.
Das sind schlechte Nachrichten.
Richtig. In dieser Situation ist es umso wichtiger, strukturell die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken – sowohl in Deutschland als auch auf EU-Ebene. Dazu gehört der Abbau von Bürokratie sowie eine Verbesserung der Infrastruktur. Auch bei den Unternehmenssteuern muss Deutschland endlich ansetzen – und sie auf internationales Niveau senken. Und wir müssen den EU-Binnenmarkt weiterentwickeln.
Was meinen Sie damit?
Es gibt nach wie vor unterschiedliche Standards innerhalb der EU, besonders im Dienstleistungssektor. Diese behindern den grenzüberschreitenden Handel. Studien zeigen, dass hier erhebliche Potenziale liegen. Ein stärker integrierter EU-Binnenmarkt würde auch unsere Position gegenüber Drittstaaten stärken. Ein weiterer Aspekt, den wir in dem Zusammenhang berücksichtigen müssen, ist, dass es zu Handelsumlenkungen durch Trumps Zollpolitik kommen könnte.
Erklären Sie das bitte.
Länder wie China könnten ihren Export künftig stärker in Richtung EU ausrichten, wenn der US-Markt für sie weniger zugänglich wird. Anders ausgedrückt: Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass die Chinesen möglicherweise noch stärker auf den europäischen Markt drängen und unseren Exporten im Ausland – jenseits von den USA – noch stärker Konkurrenz machen.
Sie sprechen bereits China an. Was ist denn mit alternativen Handelspartnern zu den USA?
Die Freihandelsabkommen mit Ländern wie Brasilien, Argentinien – Stichwort Mercosur – oder Indien müssen jetzt mit Nachdruck vorangebracht werden. Wenn es einen positiven Effekt dieses Schocks aus den USA gibt, dann vielleicht den: Er macht nun Dinge möglich, die vor Kurzem noch blockiert wurden. Jetzt braucht es Mut und Entschlossenheit für Reformen – in Deutschland wie in Europa.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Sultan.
- Telefongespräch mit Samina Sultan
- Mit Material der Nachrichtenagentur AFP