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Aid Pioneers: Junge Deutsche leisten clevere Krisenhilfe


Tagesanbruch
Eine verblüffend clevere Idee

MeinungVon Florian Harms

Aktualisiert am 26.03.2025Lesedauer: 8 Min.
Solaranlage für ein Krankenhaus in Tripolis, Libanon.Vergrößern des Bildes
Solaranlage für ein Krankenhaus in Tripolis, Libanon. (Quelle: Aid Pioneers)
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In diesen Tagen fällt es schwer, an das Gute im Menschen zu glauben. So viel Elend in der Welt, so viel Not, so viele Barbaren auf Chefsesseln. Der Moskauer Zar treibt den demokratischen Westen vor sich her, im Gazastreifen verlegt sich die israelische Armee wieder aufs Bomben, in der Türkei kartätscht der Sultan Oppositionelle nieder, im Fernen Osten droht China Taiwan mit Krieg, beim Donald und seiner Dilettantenbande sind ohnehin Hopfen und Malz verloren. So viel Niedertracht, Gemeinheit und Gewalt, da kann man wirklich verzweifeln.

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Kann man, muss man aber nicht. So, wie es vielerorts Schatten gibt, gibt es andernorts auch Lichtblicke. Sie bekommen weniger Aufmerksamkeit als die Herren der Finsternis, wenden die Dinge aber zum Besseren. Dafür braucht es meistens gar nicht viel, keine Milliarden, keine Macht, keine Militärmaschine. Es braucht nur eine clevere Idee, ein paar Kontakte und engagierte Menschen. Schon lässt sich die Welt ein bisschen besser machen.

Von so einem Projekt möchte ich Ihnen heute berichten. Aid Pioneers heißt es. Es handelt sich um ein humanitäres Netzwerk, das anders funktioniert als klassische Hilfsorganisationen: Das Berliner Team junger Leute hat sich darauf spezialisiert, in Kriegs- und Katastrophengebieten schnell, unbürokratisch und nachhaltig Hilfe bereitzustellen. Das funktioniert verblüffend gut und kommt Tausenden Notleidenden in Afrika, der Ukraine und dem Gazastreifen zugute. Ich finde das Projekt so spannend, dass ich die beiden Gründer Alexis Broschek und Julian Adler getroffen habe. Hier sind ihre Antworten auf meine Fragen:

Alexis, Julian, ihr steht am Anfang eures Berufslebens. Warum investiert ihr eure Zeit und Kraft, um eine Hilfsorganisation aufzubauen?

Alexis Broschek: Die Weltordnung gerät immer mehr ins Wanken. Wir glauben, dass sich viele Menschen in unserem Alter die Frage stellen, was konkret gegen globale Konflikte, gegen den Klimawandel und gegen abnehmende internationale Kooperation getan werden kann. Aufgrund der vielen erschütternden Schlagzeilen haben wir uns wie viele andere in unserem Alter oft hoffnungslos gefühlt. Die Aid Pioneers sind ein Mittel gegen diese Hoffnungslosigkeit: Dass wir gemeinsam mit lokalen Partnern und vielen Unterstützern eigene Hilfsprojekte anschieben können, motiviert uns jeden Tag.

Wie kamt ihr auf die Idee, Aid Pioneers zu gründen?

Julian Adler: Wir wollten uns ehrenamtlich engagieren. Dabei haben wir schnell festgestellt, wie viel Verbesserungspotenzial es im Non-Profit-Sektor gibt, also bei nichtstaatlichen Organisationen, die nicht gewinnorientiert arbeiten. Viele Menschen sehen in der Entwicklungszusammenarbeit nur Bürokratie und Ineffizienz. Das muss nicht so sein. Wir wollten konkret etwas bewirken, also haben wir mit einigen Mitstreitern nach unserem Studium Aid Pioneers gegründet.

Was unterscheidet euch von anderen Hilfsorganisationen?

Alexis Broschek: Wir bringen drei zentrale Akteure zusammen: erstens lokale Organisationen in Krisengebieten. Sie kennen die dringendsten Bedürfnisse vor Ort und sind in der Lage, Hilfsprojekte wirksam umzusetzen. Allerdings fehlen ihnen oft die nötigen Ressourcen, vor allem eine zuverlässige Stromversorgung und medizinische Hilfsgüter. Zweitens hilfsbereite Unternehmen des globalen Privatsektors: Sie haben Zugang zu Ressourcen, wie zum Beispiel Medikamente oder Solaranlagen, wissen jedoch oft nicht, wie sie sich effektiv in Krisengebieten engagieren können. Und drittens gibt es viele Menschen, die spenden möchten. Wir verbinden alle drei Akteure durch effizientes Management: Indem uns Unternehmen Zugang zu günstigen oder sogar kostenlosen Dienstleistungen und Hilfsgütern bieten, können wir Spendengelder hebeln und lokale Organisationen besonders effektiv unterstützen.

Wie sieht das konkret aus?

Alexis Broschek: Zwei Beispiele: Wir sprechen Energiefirmen an und können mit ihrer Hilfe Solaranlagen zu einem Preisrabatt von 70 Prozent bauen lassen. Oder wir beschaffen einen Container mit medizinischen Hilfsgütern im Warenwert von einer halben Million US-Dollar für nur 20.000 Euro und lassen ihn an Hilfsorganisationen in der Ukraine oder im Gazastreifen liefern.

Warum konzentriert ihr euch auf Solarenergie und medizinische Güter?

Julian Adler: In Kriegen werden vor allem medizinisches Verbrauchsmaterial, Operationsbesteck und Medikamente dringend benötigt. Geht es später um den Wiederaufbau, sind es eher Geräte wie Sauerstoffkonzentratoren, Anästhesiemaschinen oder Intensivbetten. Viele unserer lokalen Partner berichten uns aber, dass sie solche Geräte oft gar nicht nutzen können – schlichtweg, weil der Strom fehlt. Schulen und Krankenhäuser in Krisengebieten müssen teils bis zu 60 Prozent ihres Budgets für Dieselgeneratoren ausgeben oder können lebensrettende Behandlungen gar nicht erst durchführen. Da kann eine Solaranlage Abhilfe schaffen: Sie spart nicht nur über Jahrzehnte mehrere Tonnen CO₂ und Hunderttausende Euro an Dieselkosten, sondern liefert auch verlässlich Strom – etwa für die Kühlung von Medikamenten oder den Betrieb lebenswichtiger Geräte. Man kann sich ja vorstellen, was passiert, wenn in einem Krankenhaus der Strom ausfällt.

Was sind gegenwärtig eure wichtigsten Projekte?

Alexis Broschek: In den vergangenen zwölf Monaten haben wir mehr als 150 Schulen und Krankenhäuser in acht Ländern mit Hilfsgütern im Gesamtwert von mehr als 14 Millionen Euro unterstützt. Zu unseren wichtigsten Projektgebieten gehören die Ukraine, Syrien und Äthiopien.

Wie viele Menschen profitieren von eurer Hilfe?

Julian Adler: Das kann man natürlich nie exakt messen. Aber wir schätzen, dass die Unterstützung rund 480.000 Menschen erreicht hat.

Wie stellt ihr sicher, dass Spendengeld wirklich bei den Bedürftigen vor Ort ankommt?

Julian Adler: Bei uns erhält jeder Spender einen Tracking-Link, sobald der Container mit der Hilfslieferung unterwegs ist. So kann er die Hilfslieferung live verfolgen. Die belieferten Krankenhäuser schicken uns bei Ankunft des Containers Fotos und stellen detaillierte Übergabeprotokolle aus, die wir mit unseren Packlisten abgleichen. Auch die Produktionsdaten unserer Solaranlagen sind online einsehbar, sodass wir jederzeit nachvollziehen können, ob alle gelieferten Teile vor Ort funktionieren oder ob etwas abhandengekommen ist. Auf diese Weise möchten wir unseren Spendern eine lückenlose und transparente Nachverfolgung ihrer Hilfe ermöglichen – so umfassend, wie es in Kriegs- und Krisengebieten eben machbar ist.

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Welche Reaktionen erreichen euch aus den Empfängerländern?

Alexis Broschek: Täglich sprechen wir in Video-Calls mit lokalen Partnern in Kriegs- und Krisengebieten, die uns eindrücklich schildern, wie unmittelbar sie von Katastrophen und den Folgen globaler Politik betroffen sind. Es ist kaum zu fassen, wie oft sich ihr Alltag um Leben und Tod dreht – und wie viele Organisationen und staatliche Einrichtungen sich zurückziehen oder gar nicht erst aktiv werden. Leider ist die Zerschlagung der amerikanischen Entwicklungshilfebehörde USAID durch Donald Trump kein Einzelfall. Umso mehr bewundern wir die Arbeit unserer lokalen Partner, die trotz widrigster Umstände immer wieder das Unmögliche möglich machen.

Fahrt ihr auch selbst in Krisengebiete?

Julian Adler: Wir bekommen von unseren lokalen Partnern täglich Berichte. Nichtsdestotrotz waren wir selbst auch schon vor Ort in Ländern wie der Ukraine, dem Libanon und Äthiopien.

Was ist euer langfristiges Ziel?

Julian Adler: Wir wollen Menschen in Regionen dienen, die tagtäglich Armut und Gewalt ausgesetzt sind – vor allem dort, wo andere Organisationen nicht oder nicht effektiv genug tätig sind. Dabei wollen wir dazu beitragen, den Non-Profit-Sektor zu modernisieren: durch klare Transparenzstandards, durch den effizienten Einsatz von Mitteln und durch die unbürokratische Einbindung von Unternehmen. So lässt sich das Vertrauen in die Krisenhilfe vielleicht wiederherstellen und auch die eine oder andere gemeinnützige Organisation zu mehr Effektivität motivieren.

Wie kann man die Aid Pioneers unterstützen?

Alexis Broschek: Wir sind nicht nur für jede Spende dankbar, sondern auch für Unternehmen, die uns ihr Dienstleistungsangebot zur Verfügung stellen. Vor allem im Logistikbereich und beim Zugang zu medizinischen Hilfsgütern und Solarequipment können wir jede Unterstützung brauchen.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Julian Adler: Manchmal fällt es schwer, die täglichen Schlagzeilen zu Krieg, Krisen und Leid zu ertragen. In einer Welt, in der sich Regierungen immer häufiger zurückziehen und Konflikte mit Gewalt und Abschottung gelöst werden, wird eine starke globale Zivilgesellschaft umso wichtiger. Mit Aid Pioneers möchten wir unseren Teil dazu beitragen. Wir wollen jenen zur Seite stehen, die in den schlimmsten Krisen alleingelassen werden.

Mehr über Aid Pioneers und über Spendenmöglichkeiten erfahren Sie hier.


Diplomatie in der Sackgasse

Ein Durchbruch scheint in weiter Ferne: Zwölf Stunden haben Amerikaner und Russen am Montag in Riad über einen Waffenstillstand im Schwarzen Meer verhandelt – aber die für gestern angekündigte gemeinsame Erklärung wurde kurzfristig abgesagt. Zwar bezeichnete der russische Verhandlungsführer Grigorij Karasin die Gespräche als "ziemlich nützlich". Doch weder konnten sich die Delegationen auf ein Dreiertreffen zwischen Russland, den USA und der angegriffenen Ukraine verständigen, noch war die Rede von einem möglichen weiteren Telefonat von US-Präsident Donald Trump und Kreml-Kriegsherr Wladimir Putin. Die Vermutung liegt nahe, dass Moskau eine perfide Verzögerungsstrategie verfolgt, schreibt mein Kollege Patrick Diekmann.

Derweil arbeitet der französische Staatspräsident Emmanuel Macron weiter an der "Koalition der Willigen", die er mit dem britischen Premier Keir Starmer zur Unterstützung der Ukraine schmieden will. Für morgen hat er wieder Vertreter aus 20 Ländern der EU und der Nato nach Paris eingeladen. Schon heute Abend wird der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj im Élysée-Palast erwartet. So ausgeklügelt die kursierenden Konzepte von entmilitarisierten Zonen, UN-Friedenstruppen aus unparteiischen Drittstaaten und anderem mehr sein mögen – ohne die atomare Supermacht USA als Sicherheitsgarantin bleiben sie illusorisch.


Urteil zum Solidaritätszuschlag

Dieser Richterspruch wird mit Spannung erwartet: Um 10 Uhr verkündet das Bundesverfassungsgericht sein Urteil zum Solidaritätszuschlag. Sechs FDP-Politiker hatten sich mit einer Verfassungsbeschwerde an Karlsruhe gewandt, weil die Abgabe seit 2021 nur noch von Besserverdienenden, Unternehmen und Kapitalanlegern berappt werden muss. Sie argumentieren, der mit den Kosten der Wiedervereinigung begründete Zuschlag sei Ende 2019 mit dem Auslaufen des Solidarpakts II (einer Transferleistung des Bundes an die ostdeutschen Länder) verfassungswidrig geworden.

Sollte sich der Zweite Senat dieser Einschätzung anschließen, hätte es dramatische Folgen für den Bundeshaushalt: Über den Soli fließen jedes Jahr zweistellige Milliardenbeträge in den Etat. Und sollte das Verfassungsgericht den deutschen Staat sogar dazu verpflichten, die seit 2020 gezahlten Beiträge zu erstatten, kämen noch einmal 65 Milliarden Euro dazu. Letzteres gilt zwar als unwahrscheinlich. Gerecht wäre es dennoch, den Zuschlag für alle Bürger abzuschaffen.


Gurke von gestern

Im gestrigen Tagesanbruch ging es um Autokraten und auch um Österreich. Dabei war von der "rechtspopulistischen ÖVP" die Rede. Das ist natürlich Unsinn, gemeint war die FPÖ. Da sieht man mal, welche Schnitzer Journalisten fabrizieren, wenn sie nachts an Newslettern feilen. Ich gelobe Besserung.


Lesetipps

Der Konflikt zwischen China und Taiwan spitzt sich zu – mit riskanten Folgen für den gesamten Globus. Stephan Thome lebt auf Taiwan, im Interview mit meinem Kollegen Marc von Lüpke und mir erklärt der Sinologe, wie brisant die Lage ist.


Amerikanische Regierungsmitglieder haben ungeschützt über geheime Militäroperationen gechattet. Die USA verkommen zu einer Supermacht der Dilettanten, kommentiert unser Korrespondent Bastian Brauns.


Die CDU-Politikerin Julia Klöckner ist neue Bundestagspräsidentin. Ein riskantes Experiment, meint unsere Kolumnistin Nicole Diekmann – aber auch eine Chance.


Zum Schluss

Der neue Bundestag hat sich konstituiert.

Ich wünsche Ihnen einen hellsichtigen Tag. Morgen kommt der Tagesanbruch von David Schafbuch, von mir lesen Sie am Freitag wieder.

Herzliche Grüße

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

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Mit Material von dpa.

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