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Lage an der Ukraine-Front: Russland vor neuer Offensive


Lage in der Ukraine
"Putin räumt das mit seiner Aussage indirekt ein"


Aktualisiert am 04.04.2025 - 18:30 UhrLesedauer: 6 Min.
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Ein russischer Soldat patrouilliert in der Stadt Makijiwka in Donezk (Archivbild): Die Ukraine warnt vor einer neuen russischen Offensive. (Quelle: IMAGO/Dmitry Yagodkin/imago)
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Russland bereitet eine neue Offensive vor. Die Ukraine warnt bereits seit Wochen vor Putins Plänen. Doch wo könnten die Kremltruppen losschlagen?

Wladimir Putin wähnt sich in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine fest im Sattel. "An der gesamten Frontlinie liegt die strategische Initiative vollständig in den Händen der russischen Streitkräfte", behauptete der Kremlchef am vergangenen Donnerstag auf einem Forum in der arktischen Hafenstadt Murmansk. "Unsere Truppen, unsere Leute rücken vor und befreien ein Gebiet nach dem anderen, eine Siedlung nach der anderen, jeden Tag."

Aktuelle Lage im Ukraine-Krieg: Russlands Front-Gewinne stagnieren

Militäranalysten schätzen die Situation weniger eindeutig ein. Laut Zahlen der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) markierte der vergangene März den vierten Monat in Folge, in dem russische Geländegewinne in der Ukraine zurückgingen. Im vergangenen November noch erreichten die russischen Gewinne einen Höchststand von 725 Quadratkilometern – seitdem aber verliert die russische Offensive an Momentum. Im März verzeichneten die Russen nur noch Gewinne von 240 Quadratkilometern.

Geht es nach Putin, soll sich das wohl bald wieder ändern. Seit Wochen warnen die Ukrainer vor einer neuen russischen Offensive – vor allem mit Blick auf die Verhandlungen zwischen den USA und Russland über einen Waffenstillstand. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wirft Russland vor, die Gespräche hinauszuzögern, "nur um Zeit zu gewinnen und dann zu versuchen, mehr Land zu erobern", sagte er beim Ukraine-Gipfel vergangene Woche in Paris. Selenskyj könnte Recht behalten.

Experte erkennt bei Putin ein Eingeständnis im Ukraine-Krieg

Markus Reisner sieht in den jüngsten Aussagen des russischen Präsidenten zum Krieg auch ein Eingeständnis. "Putin räumt mit seiner Aussage indirekt ein, dass seine Streitkräfte auf der taktisch-operativen Ebene des Kriegs derzeit Herausforderungen haben, welche ihren Vormarsch wesentlich einbremsen", sagt der Militärexperte im Gespräch mit t-online. Auf lange Sicht sieht der Kremlchef seine Truppen also in der Initiative, erkennt demnach aber aktuell Probleme beim Vormarsch.

Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer.
(Quelle: Österreichisches Bundesheer)

Zur Person

Oberst Markus Reisner (geboren 1978), ist Militärhistoriker und Leiter des Instituts für Offiziersausbildung des österreichischen Bundesheeres an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 analysiert Reisner den Kriegsverlauf auf dem YouTube-Kanal "Österreichs Bundesheer".

Insbesondere der Einsatz von Angriffsdrohnen ermögliche es den Ukrainern aktuell, widerstandsfähig zu bleiben. Zwischen 70 und 80 Prozent der Verluste an der Front gehen zu diesem Zeitpunkt auf Angriffe mit Drohnen zurück. "Zuletzt ist den Russen deshalb kein operativer Durchbruch gelungen", erklärt der Oberst des österreichischen Bundesheeres.

"Auf der strategischen Ebene hat Russland durchaus die Oberhand"

Dennoch habe der Kremlchef mit einer Aussage recht: "Auf der strategischen Ebene hat Russland durchaus die Oberhand: Der Ukrainekrieg ist ein Abnutzungskrieg – sowohl beim Personal als auch beim Material hat Russland dabei klare Vorteile."

Seit Monaten gelingt es den Ukrainern kaum, ihres Personalproblems Herr zu werden. An den Frontabschnitten können kaum Rotationen stattfinden, dazu fehlt es an neuem Personal, um effektiv neue Einheiten für eigene Offensiven aufzubauen.

Russland und die Ukraine stecken in der Schlammphase

Neben den ukrainischen Drohnen bremst derzeit ein weiterer Faktor sowohl die Russen als auch die Ukrainer: Rasputiza. Der russische Begriff beschreibt die sogenannte Schlammphase, in der weite Landstriche durch Tauwetter weitgehend unbefahrbar werden. "Das behindert die Einsatzführung mechanisierter und motorisierter Verbände und beide Kriegsparteien müssen vor allem auf Infanterieeinheiten setzen", so Reisner.

Der Militärexperte beobachtet, dass Russland diese Zeit auch zur Umgruppierung mancher Einheiten nutzt. Der weitgehende Rückzug der Ukrainer nach rund sieben Monaten aus dem Gebiet Kursk begünstigt das. Für Russland stehen die dort eingesetzten Truppen nun zu weiten Teilen wieder zur Verfügung. "Wohin diese Einheiten gehen, ist noch nicht vollständig klar", so Reisner.

Rückzug aus Kursk stellt Ukraine vor neues Problem

Für die Ukraine könnten sie unabhängig von ihrem Einsatzort ein ernstes Hindernis werden: "Es handelt sich dabei auch um Eliteeinheiten wie Fallschirmjäger und Marineverbände", so Reisner. "Das kann den Ukrainern in Zukunft große Probleme bereiten."

Video | Ukraine: Russische Drohnen greifen während Fußballspiel an
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Quelle: t-online

Tatenlos schauten Kiews Truppen dabei jedoch nicht zu, erklärt Reisner. Die derzeit laufenden Angriffe im russischen Grenzgebiet zielten auf jene Neuaufstellung der Russen ab: "Die ukrainischen Streitkräfte versuchen, die Umgruppierung zu verhindern und russische Kräfte zu binden – deshalb haben sie Angriffe im Gebiet Belgorod begonnen." Mehr zu den ukrainischen Angriffen in dieser Region lesen Sie hier.

Hier könnte Russland eine neue Offensive unternehmen

Doch der Militärexperte sieht ebenfalls Anzeichen für eine bevorstehende russische Offensive. Wo diese stattfindet, lasse sich jedoch noch nicht erkennen. "Es gibt gleich mehrere Möglichkeiten", sagt Reisner. Hier könnte Russland in den kommenden Wochen Vorstöße versuchen:

  • Charkiw: "Russland hat zuletzt bei Kupjansk mehrere Brückenköpfe über den Fluss Oskil geschaffen", berichtet Reisner. "Diese könnten sie für weitere Vorstöße Richtung Nordwesten nutzen, um letztlich das Gebiet nahe der Grenze zu erobern."
  • Norden von Donezk: Ebenso denkbar sind laut dem Experten Vorstöße aus der Achse Soledar – Bachmut – Tschassiw Jar. Russland könnte dort Angriffe starten mit dem Ziel, in Richtung Kostjantyniwka und damit zur dortigen Verbindungsstraße voranzukommen. "Ebenso könnten russische Truppen südlich von Torezk aus in diese Richtung vorstoßen", erläutert Reisner. "Beide Räume eignen sich für großangelegte Einkesselungen."
  • Westen von Donezk: "Die russischen Angriffe im Raum Pokrowsk verlagern sich derzeit in den Süden der Stadt", erklärt Reisner. Wochenlang gingen Analysten davon aus, dass Putins Truppen Pokrowsk schnell einnehmen würden. Nun ändert sich ihre Stoßrichtung: "Die Russen wollen offenbar in Richtung Westen vorstoßen, wohl um die Oblast Dnipropetrowsk zu erreichen", sagt Reisner. "Das könnte das kurzfristige Ziel von Putins Offensive sein", so der Experte. Putin brauche vorzeigbare Erfolge für den "Tag des Sieges" am 9. Mai: "Wenn seine Truppen mit einem Fuß in einer neuen Region der Ukraine stehen, wäre das für ihn ein solcher herzeigbarer Erfolg."
  • Sumy: In der nordöstlichen Region erwartet die ukrainische Militärführung laut eigenen Angaben eine russische Offensive. "Bisher sind dort aber – mit Ausnahme der Kursker Gruppierung – keine Truppenansammlungen der Russen erkennbar, die darauf hindeuten", erklärt Reisner. Um zur gleichnamigen Hauptstadt der Oblast zu gelangen, müssten die Russen ein großes Waldgebiet durchqueren, so der Experte. Davor befinde sich zudem offenes Gebiet, wodurch die Ukrainer die russischen Soldaten leicht auskundschaften und bekämpfen könnten.

Putins Kalkül könnte aufgehen

Der ukrainische Militäranalyst Oleksij Hetman sagte der Nachrichtenagentur AP mit Blick auf die bevorstehende Offensive: "Sie bereiten Offensivaktionen an der Front vor, die sechs bis neun Monate dauern sollen, fast das ganze Jahr 2025." Der Experte sieht derzeit keinen Rückgang der Gefechte an der Front. "Wenn sie den Krieg stoppen wollten, dann zeigen ihre Handlungen dies nicht."

Passend dazu unterzeichnete Putin in dieser Woche ein Dekret zur Einberufung von 160.000 Männern zwischen 18 und 30 Jahren zum Wehrdienst. Das ist die höchste Zahl an Wehrpflichtigen, seit der Kreml im Zuge der Armeereform seit 2012 verstärkt auf professionelle Vertrags- und Zeitsoldaten setzt. Diese Rekruten werden nicht unmittelbar in den Krieg eingreifen. Darüber hinaus aber will Putin laut ukrainischen Angaben seine Truppen in der Ukraine in diesem Jahr um 150.000 Mann aufstocken. Schon jetzt verfügt Russland für seinen Angriffskrieg laut der Ukraine über 600.000 Soldaten. Laut jüngsten Nato-Angaben sollen allein im Februar 35.100 russische Soldaten getötet oder verletzt worden sein.

Das russische Kalkül scheint daher klar zu sein: Putin will das laufende Jahr nutzen, um seine Streitkräfte in die für ihn beste Ausgangsposition für echte Verhandlungen über einen Waffenstillstand oder sogar Frieden zu bringen. Das könnte den bisherigen Unwillen der Russen zu echten Kompromissen bei den Verhandlungen mit den USA im saudischen Riad erklären.

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Verhandlungen über Waffenstillstand in der Ukraine stocken

Bisher gibt es zwei Initiativen für partielle Waffenruhen: Sowohl Russland als auch die Ukraine haben erstens zugesagt, 30 Tage lang auf Angriffe gegen die Energieinfrastruktur des Gegners zu verzichten. Es war ein saurer Kompromiss: Denn eigentlich hatten die Ukraine und die USA eine 30-tägige Waffenruhe zu Land, zu Wasser und in der Luft vorgeschlagen.

Noch immer ist vieles unklar – insbesondere der Zeitpunkt des Beginns der Teilwaffenruhe. Denn obwohl die Einigung schon auf Mitte März zurückgeht, werfen sich beide Kriegsparteien wiederholt Angriffe auf Energieanlagen vor. Bisher hat diese Initiative der USA also keinen Erfolg.

Die zweite Initiative soll die Gefechte im Schwarzen Meer unterbrechen. Doch hier stellt sich Russland quer: Bevor die Waffenruhe in Kraft treten kann, soll ein Teil der westlichen Sanktionen aufgehoben werden. Konkret fordert der Kreml, dass die russische Landwirtschaftsbank wieder an das internationale Bankensystem Swift angeschlossen wird. Die USA unter Trump zeigten sich verhalten offen für die Aufhebung einiger Sanktionen, doch vor allem die Europäer möchten dabei nicht mitmachen. Wieder verläuft eine Friedensinitiative im Sande – und Putins Verzögerungstaktik ist erfolgreich.

Verwendete Quellen

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