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Zum journalistischen Leitbild von t-online.Gestrandete ISS-Astronauten Der Schock kommt nach der Landung

Nach einem fast zehnmonatigen Aufenthalt auf der ISS sind vergangene Woche zwei ISS-Astronauten zur Erde zurückgekehrt. Was sie hier erwartet, erzählt der Raumfahrtpsychologe Viktor Oubaid im Gespräch mit t-online.
Eine Woche sollten die zwei US-Astronauten Suni Williams und Butch Wilmore auf der ISS bleiben, daraus wurden durch eine Panne fast zehn Monate. Zurück auf der Erde erwartet die Raumfahrer nicht nur der Alltag, sondern auf sie kommen vor allem körperliche und mentale Herausforderungen zu, um wieder mit dem Leben auf der Erde zurechtzukommen. Wie die Astronauten mit dem Stress umgehen, weiß der Raumfahrtpsychologe des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, Viktor Oubaid.
t-online: Herr Oubaid, würden Sie ins All fliegen?
Viktor Oubaid: Klar, sofort. Ich habe 2008 bei der Esa-Astronautenauswahl schon gefragt, ob sie nicht einen Psychologen da oben brauchen. Mir wurde dann sehr höflich gesagt, dass man mich hier unten benötigt.
Gut für Sie. Sonst wären Sie womöglich wie die Nasa-Astronauten Suni Williams und Butch Wilmore ungeplant statt 8 Tage fast 10 Monate im All geblieben. Das muss doch eine unglaublich belastende Situation für die beiden gewesen sein, oder?
Eher nicht. Die Besatzungsmitglieder der ISS werden gezielt so ausgewählt, dass sie mit solchen Unwägbarkeiten und Unsicherheiten während einer Mission umgehen können.
Und was ist mit den Familien der Raumfahrer?
Auch die Angehörigen sind sich der besonderen Situation bewusst und wissen, worauf sie sich einlassen. Anders als beispielsweise im Film Apollo 13, in dem die Ehefrauen der Astronauten nervös auf Neuigkeiten der Crew warten, muss man sich die Realität viel sachlicher und rationaler vorstellen. Allen Beteiligten ist klar, dass es sich um eine gefährliche Unternehmung handelt, auf die man sich gut vorbereiten muss.
Und die man auch nachbereiten muss. Der US-Astronaut Scott Kelly hat in seiner Autobiografie nach seinem einjährigen Aufenthalt im All von unglaublichen körperlichen Qualen berichtet. Worunter leiden Astronauten vor allem?
Da gibt es unter anderem Beschwerden durch eine gestreckte Wirbelsäule, die Muskulatur, die sich in der Schwerelosigkeit zurückgebildet hat, und ein stark beanspruchtes Herz-Kreislaufsystem, das sich erst wieder anpassen muss.

Gut zu wissen
Scott Kelly ist ein ehemaliger US-Astronaut. Er war von 2015 bis 2016 fast ein Jahr auf der Internationalen Raumstation ISS. Die Mission war Teil einer Nasa-Studie, bei der sein Körper mit dem seines Zwillingsbruders Mark Kelly verglichen wurde, um die Auswirkungen eines Langzeitaufenthalts im Weltraum auf den menschlichen Körper zu untersuchen. Seine Erfahrungen hat Kelly im Buch "Endurance: Mein Jahr im Weltall" festgehalten.
Warum nehmen Astronauten das auf sich?
Die machen das aus dem gleichen Grund, warum Leistungssportler ihren Sport machen. Reden Sie mal mit einem NBA-Spieler wie Detlef Schrempf, der nach 20 Jahren Profikarriere über kaputte Gelenke klagt. Oder nehmen Sie Toni Schumacher, den ehemaligen deutschen Torwart, dessen Finger verkrüppelt sind, weil sie ihm beim Sport immer wieder gebrochen wurden. Diese Leute sehen nicht nur das Negative, sondern das, was sie erreichen.
Was denn genau?
Erfolge. Wenn wir Menschen nicht so wären, dann gäbe es die USA nicht als Staat: Niemand wäre auf der Suche nach einem kürzeren Seeweg nach Indien einfach ins Ungewisse gesegelt. Dieser Abenteuergeist, die Fähigkeit, alles andere über die Risiken zu stellen, ist zutiefst menschlich. Ebenso wie das Motiv, der Erste sein zu wollen. So wie die Apollo-Astronauten. Die haben unter ungleich gefährlicheren Bedingungen gearbeitet als heutige Astronauten und dabei ihr Leben riskiert, um die ersten Menschen auf dem Mond zu sein. Auch Scott Kelly dürfte damals gewusst haben, dass er nach seinem Aufenthalt im All mit großen körperlichen Problemen zurückkehren würde. Trotzdem ist er geflogen.
Wie schaffen es Astronauten, dann wieder im irdischen Alltag anzukommen?
Das dürfte besonders im Fall der beiden amerikanischen Astronauten nicht einfach werden. Das Körperliche ist das eine. Aber das Psychische darf auch nicht vergessen werden.
Was ist da zu beachten?
Zum Beispiel die große Aufmerksamkeit: Die beiden jetzt zurückgekehrten Astronauten standen durch die Verlängerung ihres Aufenthalts im All stark im Fokus der Medien. Die Frage ist also: Wie gelingt der Übergang von dieser intensiven öffentlichen Präsenz zurück in ein normales Privatleben? Wie gehe ich damit um, wenn ich einfach nur eine Pizza bestellen möchte, aber der Lieferant stattdessen ein Autogramm von mir will – und ich darauf gar keine Lust habe?

Zur Person
Viktor Oubaid ist Psychologe am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Dort ist er unter anderem für die Beurteilung der psychologischen Eignung von zukünftigen Astronauten verantwortlich.
Was raten Sie den Astronauten?
Freundlich sein, das Autogramm für den Pizzaboten unterschreiben, bezahlen und die Pizza genießen.
So einfach ist das?
Ich habe das selbst einmal erlebt bei der letzten Astronautenauswahl 2022. Ich saß mit einem der Esa-Astronauten, der schon aktiv war, in einem Kölner Restaurant, als plötzlich zwei Gäste auf uns zukamen und unbedingt ein Selfie und ein Autogramm haben wollten. Der Astronaut hat das so cool und freundlich hinter sich gebracht, dass die Fans nach drei Minuten wieder weg waren. Und das war so eine Strategie: Schnell und höflich darauf eingehen, damit man rasch wieder seine Ruhe hat.
Aber nicht jeder wird so gelassen auf solche Situation reagieren. Zumal, wenn man plötzlich der unglaublichen Reizüberflutung auf der Erde wieder standhalten muss, oder?
Die Frage ist doch: Welche Reize sind wirklich relevant? Es gibt Umweltreize wie etwa Medienanfragen, die werden von der Esa gefiltert, nicht jeder kann einfach mit den Astronauten sprechen. Aber wenn ein Astronaut zurück in die eigene Wohnung oder das eigene Haus kommt und dort warten Briefe vom Finanzamt, der Krankenversicherung oder anderen Behörden, kann das starke Gefühle auslösen. Solche Dinge sind ja schon für Normalsterbliche oft aufregend, aber erst recht nach Monaten im All.
Aber in diese eigentlich bekannten Situationen müssten sie doch recht schnell wieder hineinfinden, oder?
Grundsätzlich schon. Tatsächlich berichten viele Astronauten, dass die eigentliche Reizüberflutung eher im All stattfindet. Auf der ISS erleben sie das unglaubliche Gefühl, die Erde aus dem Weltraum zu sehen, den unendlichen Himmel – das ist es, was den Geist wirklich stimuliert. Aber es gibt auch viele Dinge, die sie nach der langen Zeit im All genießen. Eine richtige Dusche nehmen zu können, etwa.
Überstrahlt das dann die negativen Aspekte?
Man darf sich das nicht als negativ vorstellen, wieder zurückzukommen, sondern als einen Moment voller Vorfreude. So lassen sich dann die möglichen Belastungsfaktoren nach der Rückkehr, die jeder Astronaut ein bisschen anders erlebt, mit positiven Strategien unterstützen: Freu dich auf was Positives und nimm das andere einfach so in Kauf, weil es dazugehört.
Gab es denn Fälle, bei denen ein Astronaut nach der Rückkehr zur Erde depressiv wurde?
Mir selbst ist kein Fall begegnet, bei dem es eine psychische Auffälligkeit nach der Rückkehr aus dem All gegeben hat. Wir suchen die Leute nach solchen Kriterien aus, damit sie psychisch mit all dem, was zu dieser Tätigkeit als Astronaut gehört, gut zurechtkommen.
Sie erwähnten diesen erhabenen Moment auf der ISS, wenn man die Welt von oben sieht. Gibt es bei Astronauten eine Art Weltraumblues, wenn sie dann zurück auf der Erde sind?
Na klar. Das ist ja der Job, den sie machen wollen. Ich kenne keinen Astronauten, der nicht sagen würde, 'Mensch, ich würde sofort wieder hochfliegen'. Die meisten Esa-Astronauten haben in der Regel nur zwei Missionen. Mit etwas Glück auch eine dritte oder, wie die beiden letzte Woche gelandeten Nasa-Astronauten, auch mal eine lange Mission. Ich glaube, das war für die beiden Nasa-Raumfahrer überwiegend eine wunderbare Erfahrung.
Ein Blick in die Zukunft: Elon Musk will schon bald bemannte Missionen zum Mars schicken. Der Planet ist nicht nur 400.000 Kilometer wie der Mond von uns entfernt, sondern 300 Millionen Kilometer. Welche mentalen Herausforderungen warten da auf die Astronauten?
Da sind die psychischen Herausforderungen noch viel größer, weil es keine schnelle Rückkehrmöglichkeit gibt. Die Astronauten fliegen auf einer vorher berechneten Flugbahn zum Mars, und die Rückkehr kann dann je nach Flugbahn und Zeitpunkt länger als ein Jahr dauern.
Das klingt gelinde gesagt beängstigend.
Das ist eine große Herausforderung, die schon bei der Auswahl der Crews hier auf der Erde beginnt. Da werden dann nicht nur Einzelpersonen wie jetzt ausgewählt, sondern ein ganzes Team wird zusammengesetzt, das ideal zusammenarbeiten kann. Da müssen Fragen nach der Qualifikation der einzelnen Mitglieder beantwortet werden. Zum Beispiel: Reicht ein Crew-Mitglied mit einer medizinischen Ausbildung oder schickt man besser zwei davon mit zum Mars?
Gibt es vergleichbare Ereignisse in der Geschichte der Menschheit, an denen sich die Psychologie orientieren kann?
Ja, zum Beispiel die Endurance-Expedition zur Antarktis von Ernest Shackleton. In seinen Aufzeichnungen beschreibt der Forscher, wie es ihm gelungen ist, in dieser maximal lebensfeindlichen Umwelt zu überleben. Die Herausforderung dort war, dafür zu sorgen, dass die Crew-Mitglieder weiter funktionierten, obwohl die Entbehrungen immer weiter zunahmen.
Ist das wirklich vergleichbar mit einer Marsmission? In der Antarktis gab es Sauerstoff.
Das ist dann aber auch schon der einzige Unterschied. Ansonsten ist die Hauptbewältigungsstrategie auch im All im Notfall, unter allen Umständen am Leben zu bleiben und zu hoffen, dass es eine Rettungsoption gibt, die vorher nicht vorgesehen war. Dieser Lebenswille muss permanent da sein und dafür braucht es Persönlichkeiten, die dazu in der Lage sind, in unterschiedliche Rollen schlüpfen zu können.
Um was für Rollen geht es da?
Zum Beispiel die Führungs- oder die Assistenzrolle. Jeder braucht die Fähigkeit, auch mal zu akzeptieren, dass jemand anderes gerade die Führungsrolle übernimmt und man selbst in eine Assistenzrolle rutscht. Nach diesen Kriterien wählen wir die Leute aus, weil das eine gute Voraussetzung ist, um im Team gut zu funktionieren und um in Extremsituationen wie einer Marsmission am Leben zu bleiben.
Herr Oubaid, ich danke Ihnen für das Gespräch.
- Eigenes Interview