Für diesen Beitrag haben wir alle relevanten Fakten sorgfältig recherchiert. Eine Beeinflussung durch Dritte findet nicht statt.
Zum journalistischen Leitbild von t-online.Medizingeschichte Was bedeutet "Hysterie" – und warum ist der Begriff problematisch?

Der Begriff "Hysterie" wird oft abwertend verwendet und seine Geschichte ist tief mit Vorurteilen gegen Frauen verbunden. Doch woher stammt das Wort?
Das Wort "Hysterie" stammt aus dem Altgriechischen und leitet sich von "hystera" (Gebärmutter) ab. Schon in der Antike glaubten Ärzte wie Hippokrates, dass eine wandernde Gebärmutter körperliche und psychische Beschwerden bei Frauen verursache.
Diese Annahme hielt sich erstaunlich lange und beeinflusste über Jahrhunderte die Medizin und Gesellschaft. Die Diagnose Hysterie wurde ausschließlich auf weibliche Patienten angewendet – Frauen, die als emotional oder unkontrolliert galten, wurden so als psychisch krank eingeordnet.
Hysterie in der Psychoanalyse
Im 19. Jahrhundert griff Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, die Hysterie als psychisches Krankheitsbild auf. Zusammen mit Jean-Martin Charcot untersuchte er Frauen, die an sogenannten "hysterischen Anfällen" litten – heute oft als Symptome von Traumata verstanden.
Freud entwickelte die Theorie, dass verdrängte Konflikte und unterdrückte Sexualität die Ursache für Hysterie seien. Seine Behandlungsmethoden, darunter die Psychoanalyse, prägten das Verständnis der Krankheit. Allerdings wurden Frauen in dieser Zeit oft nicht ernst genommen, sondern als überempfindlich oder gar manipulativ dargestellt.
Hysterie: ein Mittel zur Unterdrückung von Frauen?
Der Begriff "Hysterie" diente lange dazu, Frauen zu diskreditieren. Wer seine Meinung äußerte oder sich gegen gesellschaftliche Normen stellte, lief Gefahr, als hysterisch bezeichnet zu werden.
Besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden viele Frauen gegen ihren Willen in Nervenheilanstalten eingewiesen oder mit fragwürdigen Methoden behandelt – darunter Elektroschocks oder chirurgische Eingriffe.
- Es kann jeden treffen: Das bedeutet eine posttraumatische Belastungsstörung
- Psychiater oder Psychologe: Unterschied einfach erklärt
Hysterie in der modernen Medizin
Heute wird der Begriff "Hysterie" in der Medizin nicht mehr verwendet. Stattdessen spricht man von der histrionischen Persönlichkeitsstörung. Diese psychische Erkrankung beschreibt Menschen, die stark nach Aufmerksamkeit suchen, emotionale Überreaktionen zeigen und ein Bedürfnis nach Anerkennung haben.
Der große Unterschied zur historischen Hysterie liegt darin, dass die histrionische Persönlichkeitsstörung geschlechtsunabhängig ist und nicht mit körperlichen Symptomen verwechselt wird.
Massenhysterie: Wenn Hysterie ansteckend wird
Massenhysterie kann zu unkontrollierter Panik führen, besonders in großen Menschenmengen. Bei Rockkonzerten oder Sportveranstaltungen kommt es immer wieder zu gefährlichen Situationen, wenn Angst oder Gerüchte eine panische Fluchtreaktion auslösen.
Ein bekanntes Beispiel ist die Katastrophe bei der Loveparade 2010, bei der durch Massenpanik mehrere Menschen ums Leben kamen. Um Massenhysterie vorzubeugen, gibt es bei Großveranstaltungen spezielle Schutzkonzepte. Mit der historischen Bedeutung des Wortes hat die Massenhysterie nur im übertragenen Sinn zu tun.
Warum ist der Begriff problematisch?
Die lange Geschichte der Hysterie zeigt, wie medizinische Konzepte genutzt wurden, um gesellschaftliche Machtverhältnisse zu stabilisieren. Frauen wurden pathologisiert und mundtot gemacht, während ihre Beschwerden oft nicht ernst genommen wurden.
Auch heute noch gibt es Studien, die zeigen, dass Frauen im medizinischen Bereich seltener ernst genommen werden, insbesondere bei Schmerzen.
- Eigene Recherche