Auferstehungsökologie 7.000 Jahre alte Ostseealge wieder zum Leben erweckt
7.000 Jahre Dunkelheit – und dann neues Leben: Forschende haben eine Alge aus dem Ostseeschlamm wiedererweckt, die seit der Steinzeit im Tiefschlaf lag. Was dahintersteckt, klingt wie Science-Fiction.
Deutsche Forscher haben eine prähistorische Ostseealge aus ihrem mehrere Tausend Jahre dauernden Tiefschlaf geholt und wieder zum Leben erweckt. Die mikroskopisch kleinen Kieselalgen der Art Skeletonema marinoi lagen etwa 7.000 Jahre lang konserviert in bis zu 240 Metern Tiefe am Grund des östlichen Gotlandtiefs zwischen der Insel Gotland (Schweden) und der Westküste Lettlands, wie das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) berichtet. Nun sei es gelungen, sie im Labor unter günstigen Bedingungen wieder zum Wachsen zu bringen.
"Erstaunlich ist, dass die wiedererweckten Algen nicht nur 'grade so' überlebt haben, sondern offenbar auch ihre Fitness nicht eingebüßt haben", schreibt die IOW-Meeresforscherin Sarah Bolius. "Sie wachsen, teilen sich und betreiben Photosynthese wie ihre modernen Nachfahren." Das sei ein klarer Hinweis darauf, dass diese uralten Zellen (die ältesten lebensfähigen Zellen waren auf ein Alter von rund 6.870 Jahren datiert worden) über Jahrtausende hinweg ihr biologisches Potenzial bewahrt haben.
Kieselalgen im Schlafmodus sinken auf Meeresboden
Wie das? "Viele Lebewesen sind in der Lage, bei ungünstigen Bedingungen in eine Art Schlafmodus überzugehen, um zu überleben. Sie reduzieren ihren Stoffwechsel und bilden dabei oft spezielle Dauerstadien mit stabilen Schutzhüllen und eingelagerten Energiereserven", erklärt das Wissenschaftsblatt "Spektrum" die geniale Strategie. Dies gelte auch für die Kieselalge Skeletonema marinoi. Ihre Dauerstadien sinken auf den Grund von Gewässern hinab und werden dort im Laufe der Zeit von Sediment überlagert und unter Luftabschluss konserviert.
Das Gotlandtief, schwedisch Gotlandsdjupet, ist ein Meerestief in der Ostsee und stellt mit 248 Meter unter dem Meeresspiegel deren vierttiefste Stelle dar, nach dem Landsorttief, Ålandtief und Ulvötief.
Die ungewöhnliche Methode, mit der die Algen reaktiviert wurden, nennen Wissenschaftler "Resurrection Ecology" (zu Deutsch: Auferstehungsökologie). Ziel ist es, anhand der im Sediment konservierten Dauerstadien die genetische Entwicklung früherer Populationen nachzuvollziehen.
Mithilfe genetischer Analysen fanden die Forscher zudem heraus, dass sich die Populationen im Lauf der Zeit genetisch verändert haben. "Das zeigt, dass wir evolutionäre Entwicklungen direkt nachverfolgen können – mit lebenden Zellen, nicht nur mit totem Material", schreibt Bolius.
Die erfolgreiche Reaktivierung gilt als ein Meilenstein für die Auferstehungsökologie und könnte auch helfen, zukünftige Veränderungen in der Ostsee besser zu verstehen. Denn wenn uralte Algen wieder wachsen können, lässt sich womöglich auch besser abschätzen, wie widerstandsfähig heutige Arten gegenüber Klimaveränderungen sind.
Die spektakuläre Wiedererweckung der Alge wurde im Fachjournal ISME veröffentlicht.
- Pressemitteilung auf idw-online.de: "Nach 7000 Jahren ohne Licht und Luft im Ostseeschlamm: Forschende erwecken prähistorische Alge wieder zum Leben"
- academic.oup.com: "The ISME Journal: Resurrection of a diatom after 7000 years from anoxic Baltic Sea sediment" (Englisch)