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Zum journalistischen Leitbild von t-online.Ukraine nach drei Jahren Krieg Ein Personalmangel, den es eigentlich nicht geben dürfte

Während im Westen über ausbleibende Militärhilfen für die Ukraine diskutiert wird, hat das Land auch mit Personenmangel zu kämpfen. Wie will die ukrainische Führung dieses Problem lösen?
Kurz vor dem Jahrestag der russischen Vollinvasion auf die Ukraine führte die Armee des Kremls einen Angriff von bisher unerreichtem Ausmaß: 267 Drohnenangriffe registrierte die ukrainische Luftwaffe in der Nacht von Samstag auf Sonntag. So viele Drohnenattacken hatte es seit dem 24. Februar 2022 innerhalb einer Nacht noch nie gegeben.
Oleksandr Syrskyj, der Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee, gab sich trotz des großen Angriffs am Jahrestag der russischen Vollinvasion kämpferisch: "Die Welt glaubte nicht, dass wir überleben würden, aber das ukrainische Volk hat den Angriffen des Feindes mit Würde widerstanden", schrieb Syrskyj auf seinem Telegram-Kanal. Zudem sei die ukrainische Armee dabei, mit Unterstützung ihrer westlichen Unterstützer ihre Verteidigungskapazitäten auszubauen. Man sei "abgehärtet, stark und geeint" und werde auch diesen Krieg gegen Russland überleben.
Die Realität sieht derweil allerdings etwas anders aus: Die westliche Unterstützung – allen voran aus den USA – beginnt zu bröckeln. Mit größeren Waffenlieferungen ist angesichts der Verhandlungen zwischen US-Präsident Donald Trump und Wladimir Putin aktuell ohnehin nicht zu rechnen. Doch die Probleme der Ukraine fangen nicht erst bei ausbleibenden Rüstungslieferungen an. Auch die Organisation des eigenen Militärs und die damit verbundene Gewinnung neuer Soldaten bereitet dem Land gerade mindestens genauso große Probleme.
Das grundsätzliche Kräfteverhältnis in diesem Krieg hat sich seit dem Ende der ukrainischen Offensive im Sommer 2023 nicht verändert: Die russische Armee rückt vor – wenn auch unter großen Verlusten und in überschaubarem Tempo. Das Institute for the Study of War rechnete jüngst vor, dass Russland in diesem Tempo noch mehr als 83 Jahre brauchen würde, um die gesamte Ukraine zu erobern.
Dennoch steht die Ukraine unter größerem militärischen Druck: Leichte Gebietsgewinne soll Russland zuletzt in der Region um die Stadt Pokrowsk nordwestlich von Donezk verzeichnet haben, die seit Längerem als besonders umkämpftes Gebiet entlang der Front gilt. In der gesamten Region Donezk soll die russische Armee seit Jahresbeginn rund 400 Quadratkilometer erobert haben. Das entspricht grob der Fläche der Stadt Bremen.
Der Mangel an Waffen und Munition ist allerdings nur eines der Probleme der Ukraine. Auch bei der Gewinnung neuer Soldaten hat das Militär Schwierigkeiten. Das International Institute for Strategic Studies schätzte in einer jüngsten Analyse, dass aktuell etwa 50.000 bis 100.000 Soldaten fehlen.
Rein statistisch müsste das 37-Millionen-Einwohner-Land den Mangel an Soldaten kompensieren können. Zusätzlich gilt in der Ukraine seit der russischen Vollinvasion eine allgemeine Mobilmachung: Alle Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren müssen sich in einer Datenbank registrieren und dürfen seit Kriegsbeginn das Land abgesehen von wenigen Ausnahmen nicht mehr verlassen.
Für alle Männer war schon zuvor ein Wehrdienst ab dem 18. Lebensjahr verpflichtend. Für den Kampf an der Front wurden zunächst nur Ukrainer ab 27 Jahren eingezogen. Im Frühjahr 2024 wurde aus Personalmangel das Alter allerdings auf 25 Jahre gesenkt.
Viele Schlupflöcher
Doch das ukrainische System hat Lücken: Millionen von Männern sollen sich bisher nicht in die Datenbank eingetragen haben. Manche schreiben sich an der Universität ein, da Studierende nicht eingezogen werden, oder nehmen andere systemrelevante Berufe an. Andere verlassen kaum mehr ihr Haus, um Rekrutierungsmaßnahmen zu entgehen. Zudem sind viele Ukrainer aus dem Land geflohen. Nach Zahlen von Eurostat leben im gesamten EU-Raum fast eine Million Ukrainer im Alter von 18 bis 64 Jahren, die altersbedingt größtenteils für den Kampf an der Front infrage kämen.
Zudem wurde das Militär jüngst von zwei Skandalen erschüttert, die an seinem Image kratzten und Fragen angesichts seiner Organisation aufwarfen: Im vergangenen Dezember wurden Missbrauchsvorwürfe gegen Kommandanten der 211. Pontonbrückenbrigade publik: Laut ukrainischen Medien sollen Kommandeure dort unter anderem Soldaten geschlagen und um Geld erpresst haben. Zur Bestrafung sollen in der Brigade auch Mitglieder an ein Holzkreuz gefesselt worden sein. Mittlerweile beschäftigt der Fall die Staatsanwaltschaft.
Zusätzlich wurde die ursprünglich als Prestigeeinheit geplante Brigade "Anna von Kiew" Anfang Januar aufgelöst: Viele Mitglieder der Einheit sollen bereits während ihrer Ausbildung in Frankreich desertiert sein, weitere Soldaten flohen dann, als die Einheit im umkämpften Prokrowsk eingesetzt wurde, sodass die Brigade aufgelöst wurde. Mehr dazu lesen Sie hier.
Die Gründe dafür sind vielfältig: Aufgrund ihrer Personalprobleme hat die Ukraine die Ausbildungszeit ihrer Rekruten verkürzt. Außerdem wird die Kampfmoral der Soldaten aufgrund der anhaltenden militärischen Niederlagen geringer.
Jüngere Soldaten bald an der Front?
Mittlerweile hat auch die ukrainische Führung erkannt, dass eine Reform der Truppe notwendig ist: Seit Dezember ist der ukrainische Kommandant Pavlo Palisa stellvertretender Büroleiter des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Ein Grund für seine Ernennung war seine eigene Fronterfahrung. Palisa war etwa für die Ukraine in der Schlacht um die Stadt Bachmut im Einsatz, die besonders erbittert geführt wurde. "Er weiß genau, was in den Brigaden an der Front passiert, und ich brauche genau so eine Person, um täglich Informationen aus erster Hand von der Front zu erhalten", sagte Selenskyj zu Palisas neuer Position.
Ende Januar sprach Palisa davon, dass man künftig mehr Soldaten an die Front schicken könnte. Man arbeite vor allem daran, 18- bis 24-Jährige einzuziehen, die aktuell noch vom Dienst verschont sind. Man arbeitet laut Palissa etwa daran, die Bezahlung und die Ausbildung der jungen Soldaten zu verbessern.
Auf eine Wehrpflicht für diese Altersgruppe hatte schon länger die US-Regierung gedrängt. Selenskyj lehnt das allerdings bisher ab. Der ukrainische Präsident stellte sich bisher dagegen, weil er die jüngere Generation seines Landes – und damit dessen Zukunft – nicht für den Krieg opfern will. Außerdem muss er innenpolitischen Unmut fürchten. Aber angesichts der aktuellen militärischen Lage bleibt der Ukraine wahrscheinlich keine andere Wahl.
- reuters.com: "Russia launches war's largest drone attack on Ukraine, Kyiv says" (Englisch)
- understandingwar.org: "Russian Offensive Campaign Assessment, February 24, 2025" (Englisch)
- t.me: Beitrag von @osirskiy
- iiss.org: "Combat losses and manpower challenges underscore the importance of mass in Ukraine" (Englisch)
- understandingwar.org: "Russia's weakness offers leverage" (Englisch)
- spiegel.de: "Ukraine: Personalnot in der Armee – Wie die Rekrutierung zum Problem wird"
- welt.de: "Personalmangel: Die Strategie, mit der die Ukraine ihr Rekrutierungsproblem lösen will" (kostenpflichtig)
- ukrinform.net: "Zelensky appoints Palisa deputy head of his office" (Englisch)
- apnews.com: "Ukraine is reforming its recruitment efforts to attract younger soldiers and boost forces" (Englisch)
- kyivindependent.com: "Ukraine will no longer create new brigades, official" (Englisch)
- ec.europa.eu: "Temporary protection for persons fleeing Ukraine – monthly statistics" (Englisch)
- mediendienst-integration.de: "Ukrainische Flüchtlinge"
- Mit Material der Nachrichtenagentur dpa