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Zum journalistischen Leitbild von t-online."Findet den Mörder" 13 Jahre nach dem Mord an Burak Bektaş: Der Kampf um Aufklärung

2012 wird Burak Bektaş in Berlin-Neukölln erschossen. Bis heute sind Täter und Motiv unbekannt – doch Initiativen kämpfen weiter für die Aufklärung.
Es ist die Nacht auf den 5. April 2012, Burak Bektaş steht mit Freunden vor einem Haus in Berlin-Neukölln. Plötzlich kommt ein Unbekannter auf sie zu und feuert Schüsse aus einer Waffe ab. Burak stirbt kurz darauf im Krankenhaus, zwei seiner Freunde werden lebensgefährlich verletzt. Der Schütze flüchtet unerkannt.
Bis heute gibt es keine relevanten Ergebnisse der Ermittler in dem Mordfall. Initiativen und Angehörige gehen von einem rassistischen Motiv aus. Nach Angaben der "Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak" soll die Tat ein ähnliches Muster aufweisen wie die Morde des Neonazi-Netzwerks "NSU" ("Nationalsozialistischer Untergrund").
Obwohl die Tat lange zurückliegt, bleibt der Fall bei vielen Neuköllnern und in den Medien präsent, hauptsächlich durch die Arbeit von Initiativen, Organisationen und Angehörigen.
"Ganz viele Leute waren erschrocken und betroffen"
"Wir wollen wissen, wer der Mörder ist", sagt Helga Seyb t-online. Sie ist Gründungsmitglied der "Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak" und steht in Kontakt mit der Familie Bektaş. Der Mord an Burak geschah nur ein halbes Jahr, nachdem die rechtsextremen "NSU"-Morde bekannt wurden. "Ganz viele Leute waren erschrocken und betroffen", erinnert sie sich.
Kurz danach hätten sich zahlreiche Opferberater und Initiativen zusammengeschlossen. Sie wollten verhindern, dass Angehörige von Burak nach dem Vorfall "alleine bleiben". Doch die Ermittlungserfolge blieben aus. Hinweise von Initiativen, dass die Tat womöglich rechts motiviert war, sind laut Seyb nicht ernst genommen worden.
Im Jahr 2015 wurde der britische Student Luke Holland ebenfalls in Neukölln auf offener Straße erschossen. Ein Gericht verurteilte den Täter zu elf Jahren. In seiner Wohnung hatten die Ermittler Gegenstände mit rechtsextremer Symbolik gefunden. Seitdem das bekannt wurde, fordert die Initiative zu prüfen, ob der Täter auch Burak ermordet haben könnte.
Untersuchungssausschuss eingerichtet
Seit 2024 beschäftigt sich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit der Serie an rechtsextremistischen Straftaten im Bezirk Neukölln zwischen den Jahren 2009 und 2021. Auch der Mord an Burak ist dabei ein Thema: Im Mittelpunkt stehen die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft. Denn der Grund für die misslungene Aufklärung könnte im Fehlverhalten von Ermittlern liegen.
Im November 2023 wurde bekannt, dass in den Jahren 2020 und 2021 Hunderte rechtsextreme Straftaten beim Landeskriminalamt Berlin mutmaßlich unbearbeitet liegen gelassen wurden. Verantwortlich dafür sei ein Ermittler gewesen, der auch im Mordfall Burak als ermittelnder Kommissar eingesetzt wurde.
Seyb sieht die Probleme bei der Aufklärung des Falls nicht bei einem einzelnen Beamten. Schon kurz nach der Tat habe die Behörde entscheidende Schritte nicht unternommen. Dadurch seien Fragen offengeblieben. Um die Antworten auf einige davon zu finden, sei es mittlerweile zu spät. "Deshalb muss man dafür sorgen, dass es nicht vergessen wird", sagt Seyb.
Barbara Slowik Meisel, Polizeipräsidentin in Berlin, sagte in einem Ausschuss Ende 2023, der Mordfall Bektaş sei bereits mehrfach von unterschiedlichen Fachabteilungen geprüft worden. Laut Slowik Meisel hat die "detaillierte Aufarbeitung" keine Hinweise für eine politische Motivation der Tat oder Hinweise auf den oder die Täter ergeben.
"Findet den Mörder"
Am Samstag (5. April) hat die Initiative wie jedes Jahr zu einer Gedenkkundgebung aufgerufen. In den vergangenen Jahren versammelten sich zahlreiche Menschen am Gedenkort an der Rudower Straße Ecke Möwenweg. Auch die Familie von Burak nimmt regelmäßig daran teil.
Seit 13 Jahren wollen sie wissen, wer für den Mord in der Aprilnacht verantwortlich ist. "Man kann niemals damit abschließen, aber man könnte etwas aufatmen. Die Trauer bleibt aber", sagt Seyb weiter. Solange kein Tatverdächtiger gefunden wird, lebe die Familie von Burak mit "konkreten Ängsten", auch vor einem Täter, der möglicherweise noch in Neukölln unterwegs sei. Daher bleibe die zentrale Forderung der Initiative und der Familie: "Findet den Mörder."
- Telefonat mit einer Sprecherin der Initiative
- burak.blackblogs.org: Webseite der Initiative
- taz.de: Zu viele offene Fragen
- rbb.de: Unbearbeitete Fälle beim Berliner LKA – Beamter auch mit Mordfall Bektaş befasst