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Breivik-Prozess. Keine Tränen für die Opfer - nur für sich selbst


Justiz
Keine Tränen für die Opfer - nur für sich selbst

Von dpa, afp
Aktualisiert am 16.04.2012Lesedauer: 3 Min.
Ohne Mitleid? Von wegen: Für sich selbst vergießt Breivik gerne mal eine Träne - so zum Beispiel als vor Gericht sein "Tempelritter"-Video gezeigt wurde.Vergrößern des Bildes
Ohne Mitleid? Von wegen: Für sich selbst vergießt Breivik gerne mal eine Träne - so zum Beispiel als vor Gericht sein "Tempelritter"-Video gezeigt wurde. (Quelle: dpa)
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Grausame Details und ein gleichgültiger Massenmörder - der Prozess gegen Anders Behring Breivik in Oslo nimmt die Überlebenden des Massakers und die Angehörigen der Opfer extrem mit: Ein junges Mädchen brach am Montag in der Prozesspause zusammen und musste betreut werden. Während Staatsanwältin Inga Bejer Engh die Anklage verlas, flossen bei vielen im Gerichtssaal Tränen. Derweil will Breivik als zurechnungsfähig gelten, wie sein Anwalt erklärte.

Die Überlebenden der beiden Attentate vom vergangenen Sommer mussten ihre wohl schrecklichsten Momente noch einmal durchleben, andere hörten, wie ihre Angehörigen starben. Auch am Dienstag, wenn Breivik erstmals selbst über seine Motive sprechen darf, sind schockierende Aussagen zu erwarten.

Gerührt zeigte sich am Montag auch Breivik - allerdings nur über sich selbst und zwar, als sein "Tempelritter-Orden"-Videoclip vorgeführt wurde. Dem 33-Jährigen traten Tränen in die Augen, als er das Machwerk wieder sah, das er vor den Anschlägen von Oslo und Utoya mit 77 Toten im Internet hochgeladen hatte.

Breivik zeigt selbst erfundenen "Tempelritter"-Gruß

Sonst hatte Breivik bei der Eröffnung des Prozesses um seinen Massenmord keinerlei Reue gezeigt: Er gestehe die Taten zwar ein, sei aber nicht strafrechtlich verantwortlich, sondern habe vom Recht auf "Notwehr" Gebrauch gemacht, sagte der 33-jährige Rechtsextremist vor dem Gericht in Oslo. Er muss mit 21 Jahren Haft oder Einweisung in die Psychiatrie rechnen.

Kurz vor Verhandlungsbeginn schlug sich Breivik im Gerichtssaal vor laufenden Kameras auf die Brust und reckte dann die geballte rechte Faust - eine großspurige Fantasie-Geste, die an eine Mischung aus Nazi und Indianer erinnerte. In einem seiner Manifeste hatte der Rechtsextremist diese Geste als Gruß des Ordens der Tempelritter und "Herausforderung für die marxistischen Tyrannen in Europa" bezeichnet.

"Ich erkenne das Gericht nicht an", sagte Breivik, der einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine ockerfarbene Krawatte trug.

"Kommt schnell, kommt schnell"

In dem Osloer Gerichtssaal wohnten rund hundert Überlebende und Hinterbliebene der Opfer dem ersten Verhandlungstag bei. Die Verhandlung wurde zu Beginn live im norwegischen Fernsehen übertragen. Als Staatsanwältin Inga Bejer Engh die Liste mit den Namen der Opfer verlas, wurde der Ton abgedreht. Die Hinterbliebenen im Gerichtssaal bewahrten die Ruhe, gelegentlich war ein Schluchzen zu vernehmen.

Schockiert waren die meisten Prozessbeobachter, als die Tonaufnahme eines Notrufs von Utoya vorgespielt wurde: Auf dem Band ist zu hören, wie ein Mädchen während des Amoklaufes im vergangenen Sommer minutenlang die Polizei um Hilfe bat. "Kommt schnell, kommt schnell", sagt das Mädchen in der Aufnahme - im Hintergrund sind Schüsse und Schreie zu hören.

Breivik zeigte auch hier keine Gefühle, atmete allerdings tief durch. Staatsanwalt Svein Holden hatte die Angehörigen im Gerichtssaal zuvor vor "kräftigem Tonmaterial" gewarnt und ihnen Gelegenheit gegeben, den Raum zu verlassen.

Todesschüsse auf fliehende Teenager

Angesichts des Verhaltens des Attentäters schüttelten einige Hinterbliebene fassungslos den Kopf. Breivik hatte bei dem Doppelanschlag am 22. Juli 2011 mit einer Autobombe im Osloer Regierungsviertel acht und danach mit zwei Schusswaffen auf der Ferieninsel Utoya 69 weitere Menschen, vor allem Teenager, getötet.

"Der Angeklagte hat sehr schwerwiegende Verbrechen in einem Ausmaß begangen, das wir in unserem Land in heutigen Zeiten noch nicht erlebt haben", sagte Staatsanwältin Engh. Auf Utoya habe Breivik "Furcht und Panik" unter den Teilnehmern des Sommerlagers der regierenden Arbeiterpartei verbreitet. "Er schoss auf Menschen, die flüchteten und sich zu verstecken versuchten." Die meisten der Todesopfer waren zwischen 14 und 20 Jahren alt.

Als Richterin Wenche Elizabeth Arntzen bei seiner Vorstellung sagte, er sei arbeitslos, korrigierte Breivik dies mit den Worten, er sei "Schriftsteller". Er schreibe im Gefängnis an einem neuen Werk, fügte Breivik hinzu. In einem 1500-Seiten-Manifest, das er im Internet verbreitete, erklärte er seine Taten für "grausam, aber notwendig", um die Aufmerksamkeit auf seinen Kampf gegen eine "muslimische Invasion" nach Europa zu lenken.

Geisteszustand im psychiatrischen Zwielicht

In dem auf zehn Wochen angesetzten Verfahren wird es vor allem darum gehen, ob Breivik zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig war und damit wegen "Terrorakten" zu der in Norwegen geltenden Höchststrafe von 21 Jahren verurteilt werden kann. Der Angeklagte selbst möchte unbedingt als zurechnungsfähig gelten, das erklärte sein Anwalt erneut bei seiner Auftakterklärung. Das Urteil wird im Juli erwartet, also ungefähr ein Jahr nach der Tat vom 22. Juli 2011.

Das Gericht will rund 150 Zeugen hören. Am Dienstag steht eine Vernehmung Breiviks auf dem Programm. Sein Anwalt Geir Lippestad machte die Öffentlichkeit darauf gefasst, dass sein Mandant bei dieser Gelegenheit Bedauern darüber äußern wolle, "nicht noch weiter gegangen zu sein".

Kurz vor Prozessbeginn stufte ein neues psychiatrisches Gutachten den Angeklagten als voll zurechnungsfähig ein. Im ersten Gutachten war Breivik wegen "paranoider Schizophrenie" für unzurechnungsfähig erklärt worden. Folgen die zwei Berufs- und drei Laienrichter dieser Einschätzung, würde Breivik in eine geschlossene psychiatrische Klinik eingewiesen.

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