"Das habe ich noch nie erlebt" Chef von KZ-Gedenkstätte kritisiert Israels Regierung
Die israelische Regierung hatte gegen einen der Redner bei der Befreiungs-Gedenkfeier in Weimar protestiert. Der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald findet klare Worte.
Der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, Jens-Christian Wagner, hat die Einflussnahme der israelischen Regierung auf die zentrale Gedenkfeier in Weimar kritisiert. Das sei das Schlimmste, was er in den vergangenen 25 Jahren erlebt habe, sagte er bei radio3 vom rbb.
Hintergrund ist die ursprünglich geplante Rede des deutsch-israelischen Philosophen Omri Boehm bei dem am Sonntag in Weimar geplanten Gedenken zum 80. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora. Die Rede wurde verschoben, weil sich wegen der Einladung von Boehm ein Konflikt mit Vertretern der israelischen Regierung anbahnt, hatte Wagner am Mittwoch gesagt. Boehm ließ auf Anfrage über seinen Verlag mitteilen, dass er sich dazu nicht äußern werde.
Bundesregierung pocht auf Unabhängigkeit der Gedenkstätte
In dem Interview von radio3 sagte der Gedenkstättenleiter dazu: "Das habe ich noch nie erlebt und ehrlich gesagt, das möchte ich auch nie wieder erleben, tatsächlich gedrängt zu werden. Einem Enkel einer Holocaust-Überlebenden das Wort zu versagen, das ist wirklich das Schlimmste, was ich in 25 Jahren Gedenkstättenarbeit erlebt habe." Zu der Gedenkfeier werden etwa zehn Überlebende des NS-Terrors erwartet.
Auch die Bundesregierung kritisierte die Einmischung. Der stellvertretende Regierungssprecher Wolfgang Büchner erklärte: "Das Gedenken, zu dem sie einladen und anregen, setzt voraus, dass sie ihre Arbeit in vollkommener Freiheit, ohne Bedrängung durch staatliche Institutionen oder gesellschaftliche Gruppen nachgehen können. Das bedeutet, dass die Gedenkstätten auch ihre Gesprächspartner frei wählen können müssen."
Die israelische Botschaft in Berlin hatte auf X geschrieben, es sei empörend und eine "eklatante Beleidigung des Gedenkens an die Opfer", Boehm einzuladen. In dem Posting unterstellte die Botschaft Boehm unter anderem, den Holocaust zu relativieren.
Botschafter wiederholt Kritik
Auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur wiederholte der israelische Botschafter Ron Prosor seine Kritik: "Ich bin stolz darauf, einem Gedenken an die Schoah, das das Leid der Überlebenden relativiert oder den Staat Israel infrage stellt, die Rote Karte zu zeigen – und ich tue dies auch für diejenigen, die ihre Stimme nicht mehr erheben können."
Porsor fügte hinzu: "Wo Omri Boehm auftritt, hinterlässt er zerbrochenes Porzellan. Die Ideen von Stiftungsdirektor Jens-Christian Wagner, ausgerechnet ihm eine Bühne zu 80. Gedenken des Konzentrationslagers Buchenwald zu bieten, war aberwitzig."
Boehm wurde 2024 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung für sein Buch "Radikaler Universalismus" ausgezeichnet. In seiner Dankesrede forderte er im Namen der deutsch-israelischen Freundschaft auch harte Kritik aus Deutschland zum Nahost-Konflikt. Ihm zufolge gibt es Fehler auf allen Seiten. In anderen Äußerungen hatte er das Vorgehen von Israel im Gaza-Krieg kritisiert.
- Mit material der Nachrichtenagentur dpa