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Zum journalistischen Leitbild von t-online.US-Wahl 2020 Drei Gruppen, die Trumps Ende besiegeln könnten – und ein Trumpf

Die Umfragen sind gerade keine Freude für Donald Trump. Das liegt auch an seiner Schwäche in drei wichtigen Wählergruppen. Doch es gibt einen überraschenden Hoffnungsschimmer für ihn.
"An meine liebsten Menschen der Welt", ruft Donald Trump vor dem Weißen Haus in eine Kamera. "Die Senioren!" Der 74 Jahre alte US-Präsident ist Anfang Oktober gerade von seinem Corona-Klinikaufenthalt zurück – und ist schon wieder zum Scherzen aufgelegt: "Ich bin ein Senior", sagt er. "Ich weiß, dass Sie das nicht wissen. Niemand weiß das. Vielleicht sagen Sie es einfach nicht weiter!"
Trump, der Entertainer.
Seine Botschaft aber, sie ist wichtig, auch für ihn selbst: "Wir kümmern uns um unsere Senioren." Gerade in der Corona-Krise, mit kostenlosen Medikamenten. Und die Botschaft ist wohlkalkuliert: Die Senioren sind eine der Bevölkerungsgruppen, die Trump 2016 den Wahlsieg beschert haben – und die er jetzt an seinen Herausforderer Joe Biden zu verlieren droht. Es ist nicht die einzige Gruppe.
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1. Die Senioren
Traditionell haben die Republikaner in den USA gute Chancen bei Menschen über 65 Jahren. Das war auch bei der letzten Wahl mit Donald Trump so. Er führte bei den Wählern dieser Altersgruppe mit etwa 7 Prozentpunkten vor seiner Herausforderin Hillary Clinton. Die Senioren sind eine überaus wichtige Wählergruppe. Die Gesellschaft wird älter, auch in den USA, es gibt schlicht immer mehr von ihnen. Sie gehen zudem überdurchschnittlich häufig zur Wahl. Und in wichtigen Battleground States wie dem sonnigen Florida spielen sie eine besonders große Rolle.
Doch diesmal sind die Senioren den Umfragen zufolge keine sichere Bank mehr für Trump. Im Gegenteil: Biden führt seit längerer Zeit deutlich in den Umfragen, auch wenn die genauen Werte teils stark schwanken: Biden werden auf nationaler Ebene mal 10 und mal 27 Prozentpunkte Vorsprung vor Trump zugesprochen – wobei die Umfragen etwa in Florida ein viel engeres Rennen in der Altersgruppe prognostizieren.
Trotzdem deutet sich insgesamt eine bemerkenswerte Wende im Vergleich zur letzten Wahl an. Die Corona-Krise und Trumps (Nicht-)Handeln sind laut Experten vermutlich ein Hauptgrund dafür. Trumps schrille und Bidens mitfühlende Art könnten weitere Gründe sein.
2. Die Frauen in den Vororten
Fast 50 Prozent der US-Wähler leben nicht in Städten, sondern in den Vororten, den Suburbs. Entsprechend umkämpft ist diese Wählergruppe. Schon bei den Midterm-Wahlen 2018 haben die Republikaner dort viel Zustimmung verloren. Und besonders die Frauen wenden sich offenbar weiter von Trump ab. Biden führt hier je nach Umfrage mit rund 20 Prozentpunkten vor Trump.
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Wie problematisch das für Trump ist, zeigt sich auf seinen Rallys. Ganz offen wirbt er für die Unterstützung der "Suburban women". In Pennsylvania klang er kürzlich fast verzweifelt: "Frauen aus den Vororten, würdet ihr mich bitte mögen?", rief er dem Publikum zu. "Erinnert ihr euch? Ich habe eure verdammte Nachbarschaft gerettet, ok?" Mit Horrorszenarien und dem Versprechen einer Law-and-Order-Politik versucht er diese Wählergruppe zu überzeugen. Doch sein Werben scheint nicht zu verfangen.
3. Die weißen Arbeiter
Es ist die Gruppe, die Donald Trump 2016 ganz wesentlich den Sieg beschert hat: die weiße Arbeiterklasse. Sie schrumpft in den USA zwar tendenziell: 2016 waren etwa 45 Prozent der Wähler Weiße ohne Hochschulabschluss, heute sind es 41 Prozent. Aber sie ist damit eben immer noch sehr, sehr groß.
Bei der Wahl 2016 lag Trump in dieser Gruppe mit rund 29 Prozentpunkten vor Clinton. Jetzt liegt er in den Umfragen zwar immer noch klar vorne, aber eben nur noch mit rund 20 Prozentpunkten. Es ist einer der Gründe, warum Trump im Endspurt massiv durch die Staaten des mittleren Westens tourt, wo besonders viele dieser Wähler leben: Er versucht, diesen Vorsprung zu verteidigen oder besser noch auszubauen.
Experten glauben auch hier, dass Trumps Versuch, diese Gruppe mit Law-and-Order-Politik zu überzeugen, nicht wirklich erfolgreich war. Entscheidender war demnach seine Corona-Politik, die in den Augen der Mehrheit gescheitert ist – worunter gerade die Arbeiterklasse leidet.
Trumps überraschender Trumpf: die nicht-weißen Wähler
Nicht-weiße Wähler sind vermutlich die Gruppe, die man als letztes mit Trump in Verbindung bringt. Der Präsident nährt immer wieder rassistische Vorurteile und ist in den Augen vieler selbst ein Rassist. Dass er um ihre Stimmen wirbt, kann man nun wirklich nicht behaupten. Trotzdem hat Trump laut Umfragen in dieser Wählergruppe an Zustimmung gewonnen – auch wenn Biden immer noch klar führt.
Lag Trump 2016 gegen Hillary Clinton bei dieser Wählergruppe noch mit 51 Prozentpunkten hinten, sind es laut Umfragen gegen Biden jetzt nur noch rund 42 Prozentpunkte. Er würde demnach bei Schwarzen und besonders bei den Hispanics aufholen. Trumps harte, konservative Botschaften verfangen dort demnach. Und bei den Männern auch das Machohafte des Präsidenten.
Möglich also, dass Trump seine Verluste bei weißen Wählern zum Teil durch Gewinne bei nicht-weißen Wählern ausgleichen kann. Doch ob das reicht?
- Eigene Recherchen
- RealClearPolitics: Exit Polls Show Suburbs as Likely 2020 Battlefield
- New York Times: The Election’s Big Twist: The Racial Gap Is Shrinking
- Guardian: Biden gains as suburban women and elderly voters turn backs on Trump
- Washington Post: Biden and Trump step up their fight for older voters
- WSJ: Trump Trails Among Seniors, Key Group in Many Battleground States
- Zeit online: Was ist diesmal anders?
- FiveThirtyEight: Trump Is Losing Ground With White Voters But Gaining Among Black And Hispanic Americans
- CNN: How Trump's losing among seniors at a historic rate