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Viertagewoche in Deutschland: Weniger Stress und gleiche Produktivität?


Gesundheit und Produktivität
Viertagewoche: Neue Studie zeigt viele Vorteile

Von afp, t-online
Aktualisiert am 18.10.2024 - 16:01 UhrLesedauer: 3 Min.
Arbeit in der Pflege: Mitarbeitende und Unternehmen könnten von Viertagewoche profitieren.Vergrößern des BildesArbeit in der Pflege: Mitarbeitende und Unternehmen könnten von Viertagewoche profitieren. (Quelle: andresr/getty-images-bilder)

Eine kürzere Arbeitszeit bei gleichem Gehalt verbessert die mentale und körperliche Gesundheit der Mitarbeitenden. Und auch die Arbeitgeber profitieren.

Die Viertagewoche hat bei einem Pilotprojekt in Unternehmen in Deutschland zu weniger Stress bei den Mitarbeitenden geführt. "Die Mitarbeiter berichteten von signifikanten Verbesserungen ihrer mentalen und körperlichen Gesundheit", erklärte die Unternehmensberatung Intraprenör als Initiator des Pilotprojekts zur Viertagewoche. Gleichzeitig hätten Leistung und Produktivität der Unternehmen nicht unter der geringeren Arbeitszeit gelitten.

Unternehmen wählten unterschiedliche Modelle

Seit Anfang des Jahres nahmen deutschlandweit 45 Firmen an dem Pilotprojekt teil, von denen 41 die Testphase laut Intraprenör mittlerweile abgeschlossen haben oder kurz davor stehen. Der Umfang der Arbeitszeitsenkung variierte dabei je nach Unternehmen, manche gewährten 20 Prozent weniger Wochenarbeitsstunden bei gleichem Lohn, andere lediglich zehn Prozent, manche noch weniger. Bei 85 Prozent gab es den Angaben zufolge jedoch einen "vollen freien Tag pro Woche".

Nach der Einführung des neuen Arbeitszeitmodells änderten viele Unternehmen ihre Abläufe. Eine Maßnahme: Sie hatten weniger oder zumindest kürzere interne Meetings.

Höhere Zufriedenheit und mehr körperliche Aktivität

"Die Viertagewoche führte zu einer signifikant positiven Veränderung der Lebenszufriedenheit, die sich hauptsächlich durch die zusätzliche Freizeit ergab", erklärte die wissenschaftliche Leiterin der Studie, Julia Backmann. Demnach äußerten vor dem Projekt 64 Prozent der Mitarbeitenden den Wunsch, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Danach waren es noch 50 Prozent.

Der geringere Arbeitsumfang führte zudem zu "einem Anstieg der täglichen Aktivitätslevel, gemessen an Schrittzahlen und körperlicher Bewegung". Außerdem schliefen die Beschäftigten mit weniger Arbeitszeit im Schnitt 38 Minuten pro Woche mehr als die Kontrollgruppe ohne Reduzierung. Die Zahl der Stress- und Burnout-Meldungen sei deutlich reduziert worden.

Warum Bewegung gegen Stress hilft

Wer sportlich aktiv ist, meistert stressige Situationen besser und beugt seelischen Erkrankungen vor. Dieser positive Einfluss ist durch Studien bestätigt. So liefert Sport dem Gehirn neue Reize, löst Verspannungen und baut Stresshormone ab. Welche Sportarten am besten geeignet sind, um Stress abzubauen, erfahren Sie hier.

Für die Studie führten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Interviews, werteten Fitnesstracker aus und testeten Haarproben auf das Stresshormon Cortisol.

Produktivität tendenziell gestiegen

Die Studie konzentrierte sich vor allem auf die Auswirkungen auf die Beschäftigten. Aber: Auch beim Gewinn und Umsatz der Unternehmen zeigten sich "leichte Steigerungen". Verglichen mit dem Vorjahr seien diese aber "nicht signifikant". Mögliche Produktivitätsgewinne seien zumindest denkbar, erklärte Backmann. Mitarbeitende und Geschäftsführende hätten "tendenziell" eher eine Produktivitätssteigerung wahrgenommen.

Teilweise nahmen nur einzelne Teams von Unternehmen am Pilotprojekt teil, in anderen Fällen die gesamte Belegschaft. Die Firmen kamen laut Intraprenör aus den Bereichen Dienstleistung, Fertigung, Pflege, IT und Medien. Die Studie betraf 900 Menschen. Von den ursprünglich 45 teilnehmenden Firmen brachen zwei ihre Teilnahme aufgrund "wirtschaftlicher Herausforderungen oder mangelnder interner Unterstützung für die Viertagewoche ab".

Experte will Debatte ankurbeln

Carsten Meier von der Beratung Intraprenör versteht die Studie als Beitrag zu einer gesellschaftlichen Debatte, um Arbeit neu zu definieren. "Wir brauchen in Deutschland ein neues Verständnis von Leistung – eines, das eben nicht an geleisteter Arbeitszeit festhält, sondern sich auf Ergebnisse und Ziele konzentriert." Man brauche eine Arbeitswelt, die wirtschaftlich erfolgreich und innovativ sei und gleichzeitig Mitarbeitern helfe, gesund zu sein und ihnen ein attraktives Arbeitsumfeld biete.

Professorin Backmann schränkt ein, es gehe bei der Studie nicht darum, eine flächendeckende Einführung der Vier-Tage-Woche über alle Branchen hinweg zu propagieren, sondern sie als "eine Möglichkeit eines innovativen Arbeitszeitmodells und ihrer Wirkung" zu testen.

Reaktionen von Arbeitgebern und von der Gewerkschaft

Die Arbeitgebervereinigung BDA äußert Kritik. "Im internationalen Vergleich arbeiten wir Deutsche über das Jahr gerechnet schon heute mit am wenigsten", sagt BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter und weist darauf hin, dass sich Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, bewusst gegen eine Teilnahme an dem Versuch entschieden hätten. "Letztlich wäre eine Vier-Tage-Woche mit vollem Lohnausgleich nur eine massive Lohnsteigerung, die sich die allermeisten Unternehmen nicht leisten können."

Anstatt darüber zu reden, weniger zu arbeiten, sollte man darüber reden, die Stunden in einer Woche flexibler zu verteilen. "Da, wo es passt, Montag bis Donnerstag mal mehr arbeiten und Freitag frei – das sollte möglich sein, wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber das vereinbaren." Mit Blick auf die schwache Konjunktur merkt der FDP-Bundespolitiker Reinhard Houben an: "Bisher ist noch keine wirtschaftliche Stagnation durch weniger Arbeit überwunden worden."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) äußert sich eher vorsichtig zu dem Thema. Vorstandsmitglied Anja Piel sagt, es müsse zunächst geklärt sein, was genau mit Vier-Tage-Woche gemeint sei. "Wenn bei vollem Lohnausgleich nur vier Tage gearbeitet wird und sich dabei die Arbeitsbelastung nicht erhöht, kann das im Idealfall zu mehr Arbeitszufriedenheit und zu höherer Produktivität führen." Sie warnt vor einer "Mogelpackung", wenn das gleiche Arbeitspensum auf weniger Tage verteilt würde und die Beschäftigten dadurch noch stärker im Hamsterrad des Arbeitsalltags wären als zuvor.

Transparenzhinweis
  • Die Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung und dürfen daher nicht zur Selbsttherapie verwendet werden.
Verwendete Quellen
  • Nachrichtenagentur afp
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