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Barbara Groß kämpft für Tokio: Wie behindert müssen Sportler sein?


Paralympische Kontroverse
Wie behindert müssen Sportler für Rollstuhlbasketball sein?


17.12.2020Lesedauer: 4 Min.
Barbara Groß: Bei den Qualifikationsspielen war die Deutsche noch im Kader.Vergrößern des Bildes
Barbara Groß: Bei den Qualifikationsspielen war die Deutsche noch im Kader. (Quelle: Hartenfelser/imago-images-bilder)
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Eine Sportart steht vor dem Aus – weil die Behinderungen ihrer Athleten nicht anerkannt werden. Vor diesem absurd klingenden Problem steht aktuell der Rollstuhlbasketball. Doch die Sportler kämpfen gegen die Entscheidung.

"Wenn ich keine andere Option habe, werde ich mein Bein amputieren lassen." Mit diesen drastischen Worten reagierte der Brite George Bates auf eine Regeländerung im paralympischen Rollstuhlbasketball. Eine Regeländerung, der ein erbitterter Streit zwischen zwei Verbänden vorausgegangen war und den jetzt Athleten ausbaden, die plötzlich nicht mehr die richtige Behinderung haben, um an den Paralympics teilzunehmen. Auch die deutsche Paralympics-Silbermedaillen-Gewinnerin Barbara Groß ist betroffen – und kämpft gegen ihren Ausschluss.

"Das Beste, was mir passieren konnte"

"Ich will noch mal zu den Paralympics und mit Deutschland eine Medaille gewinnen", sagt Nationalspielerin Groß t-online. Bei einem Autounfall mit acht Jahren hatte sich die heute 27-Jährige das Knie verletzt und durfte keinen Fußgängersport mehr machen. "Rollstuhlbasketball war das Beste, was mir passieren konnte", erzählt Groß. Und bislang war ihre Teilnahme kein Problem.

Denn der Rollstuhlbasketball-Weltverband IWBF sah ein Punktesystem für seine Athleten vor. Je größer die Bewegungseinschränkung, desto niedriger die Punktzahl für den einzelnen Athleten. Spieler, die ihren Rumpf nicht drehen können, sind Kategorie 1.0-Athleten und zählen einen Punkt. Spieler wie Barbara Groß, die im Rumpf volle Bewegungsfreiheit haben, werden mit 4,5 Punkten bewertet.

Deutschland gegen Algerien: Bei der Rollstuhlbasketball-Weltmeisterschaft gewann das deutsche Team Bronze.
Deutschland gegen Algerien: Bei der Rollstuhlbasketball-Weltmeisterschaft gewann das deutsche Team Bronze. (Quelle: Stephanie Wunder/imago-images-bilder)

Barbara Groß wurde 1993 in Gießen geboren. Mit den deutschen Rollstuhlbasketballerinnen wurde Groß 2015 Europameisterin, Dritte bei der WM 2018 und gewann in Rio 2016 die Silbermedaille bei den Paralympics. Sie ist zudem Trägerin des "Silbernen Lorbeerblattes", der höchsten Auszeichnung für Sportler in Deutschland.

Die Zusammenstellung einer Mannschaft ist für Trainer also eine Rechenaufgabe. Fünf Spieler dürfen in der Nationalmannschaft zusammen maximal 14 Punkte ergeben. In der Summe ergibt sich also ein Mix von Spielern mit großen und geringen Bewegungsradien. So dürfen auch Personen mitspielen, die im Alltag häufig keinen Rollstuhl benutzen. National dürfen auch Menschen ohne Behinderung teilnehmen. "Ich finde es toll, dass der Rollstuhlbasketball so inklusiv ist und jeder diesen Sport ausüben kann", so Groß.

"Kein Verband und kein Athlet steht über den Regeln"

Doch um die Spieler der Kategorie 4.0 und 4.5 entbrannte zwischen dem Rollstuhlbasketballverband und dem Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) ein Streit. Das IPC drohte damit, Rollstuhlbasketball von den Olympischen Spielen in Tokio 2020 vollständig auszuschließen. Denn die Rollstuhlbasketballer würden gegen das vom IPC 2015 beschlossene Klassifizierungssystem verstoßen. Damit sollen sportliche Leistungen der Athleten miteinander vergleichbar werden und auch festgelegt werden, wer überhaupt berechtigt ist, an Paralympischen Spielen teilzunehmen. "Kein Verband und kein Athlet steht über den Regeln", schreibt das IPC in einem offenen Brief im September 2020.

Die neue Klassifizierung trat bereits 2017 in Kraft. Darin steht, dass ein Athlet eine "anerkennungsfähige Beeinträchtigung" haben muss, eingeteilt in zehn Kategorien. Welt- und Europameister George Bates kritisierte diese Einteilung, da dadurch zahlreiche Sportler wie er durch das Raster fallen würden. Nach einer Football-Verletzung mit elf Jahren kann Bates nicht ohne Gehhilfen laufen, benötigt aber auch nicht zwingend einen Rollstuhl. "Wie können Athleten von den einzigen Sportarten ausgeschlossen werden, die sie körperlich ausüben können?", schreibt Bates in einer von ihm gestarteten Petition, die eine Neubewertung der Klassifizierungen anstoßen soll.

"Gleiches Recht und die gleichen Chancen"

Die derzeit gültigen Richtlinien sollten bis zum Januar 2018 von allen Sportverbänden umgesetzt sein. Laut IPC hatte der Rollstuhlverband diese Frist versäumt und war auch nicht zur Kooperation bereit. IWBF-Präsident Ulf Mehrens sagte in einem Statement im Juli 2020: "Die IWBF glaubt immer noch voll und ganz an unsere Klassifizierungsphilosophie und daran, dass der Sport für jeden mit einer berechtigten Beeinträchtigung der unteren Gliedmaßen inklusiv sein sollte. Das Klassifizierungspunktesystem, auf dem das Spiel aufgebaut wurde, stellt sicher, dass alle Spieler das gleiche Recht und die gleichen Chancen haben, ein integrales Mitglied eines Teams zu sein."

Dennoch, um den vollständigen Ausschluss der Sportart abzuwenden, wurden 132 Sportler hinsichtlich ihrer Bewegungsfreiheiten überprüft. Neun Sportler wurden nicht mehr zur Teilnahme an den Paralympics zugelassen – darunter Barbara Groß: "Ich habe das im ersten Moment nicht richtig verstanden und den genauen Grund weiß ich bis heute nicht". Die Center-Spielerin wollte die Entscheidung nicht akzeptieren und legte Protest ein.

"Weiß nicht, warum ich ausgeschlossen wurde"

Doch dafür mussten neue Unterlagen eingereicht werden. "Ich habe einen Schwerbehindertenausweis. Jetzt noch mal zum Arzt zu gehen, um sich bescheinigen zu lassen, dass man eingeschränkt genug ist, um als behindert zu gelten, fühlt sich definitiv komisch an." Monate der Ungewissheit und Unsicherheit folgten. "Es war sehr schwierig nicht zu wissen, warum genau man ausgeschlossen wurde", so Groß. Dennoch trainierte die 27-Jährige weiter: "Ich mag den Sport trotzdem noch, egal wo ich ihn ausüben kann und ich möchte weiterspielen."

Zudem gab es vor wenigen Tagen eine bittersüße Nachricht. Die Nationalmannschaft der Frauen wurde zur "Mannschaft des Jahrzehnts" gewählt. Seit 2007 standen die Rollstuhlbasketballerinnen bei Turnieren fast immer im Finale, zwei dritte Plätze sind das schlechteste Ergebnis. "Ich bereue die letzten Jahre nicht und bin dankbar, dass ich dabei sein konnte." Diese Erfolgsgeschichte will die Mannschaft in Tokio weiterschreiben.

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Am Montag dann die überraschende Entscheidung des IWBF – Barbara Groß darf in Tokio starten. "Ich war komplett überrascht von der Nachricht und bin jetzt natürlich sehr erleichtert." Hundertprozentig sicher ist ihre Teilnahme allerdings noch nicht, denn der Bundestrainer hat seinen Kader noch nicht bekanntgegeben. "Jetzt habe ich aber Planungssicherheit und kann mich so vorbereiten, dass die Chance da ist", gibt sich Groß kämpferisch.

Der IWBF muss trotz der jetzigen Zulassung sämtliche Klassifizierungen und Sportler neu überprüfen, um auch 2024 wieder teilnehmen zu dürfen. 2021 soll dann wieder ein neuer IPC-Code veröffentlicht werden. Das Ende der Unsicherheit ist für die Sportler also noch nicht erreicht. "Erst einmal würde ich gerne davon ausgehen, dass jetzt alles gut ist. Aber es bleibt spannend", so Groß.

Verwendete Quellen

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