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Putin und Dugin: Russlands Chefideologe macht Studenten zu Faschisten


Neue Doktrin an russischer Hochschule
Russland soll von Dublin bis Wladiwostok reichen


28.02.2025 - 10:53 UhrLesedauer: 4 Min.
Die Länder Eurasiens: Der Kreml-Ideologe Alexander Dugin träumt von einem Reich, das "von Dublin bis Wladiwostok" reicht.Vergrößern des Bildes
Die Länder Eurasiens: Der Kreml-Ideologe Alexander Dugin träumt von einem Reich, das "von Dublin bis Wladiwostok" reicht. (Quelle: Wikimedia Commons)
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Alexander Dugin schuf das ideologische Grundgerüst des autoritären Russland unter Putin. Nun greift er nach den Köpfen der russischen Jugend.

Autoritäre Staaten brauchen einen ideologischen Unterbau. Der italienische Faschismus unter Mussolini bezog sich auf die großitalienischen Fantasien von Corradini, Rocco und Federzoni, die Rassenlehre der Nationalsozialisten beruhte auf dem Sozialdarwinismus nach Chamberlain und Rassenhygienikern wie Alfred Ploetz, Karl Binding und Alfred Hoche.

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Auch das autoritäre Russland unter Putin hat einen Chefideologen, der das Grundgerüst für den modernen russischen Staat erdacht hat. Alexander Dugin ist ein neofaschistischer Hardliner, der mit seinem Verlag Arktogeja an der Umsetzung einer konservativen Revolution in Russland arbeitet. Beobachter wie der deutsche Politikwissenschaftler Micha Brumlik bezeichnen ihn als Philosophen hinter Putin. Mehr zur Person Alexander Dugin lesen Sie hier.

Putins Chefideologe hat einen Studiengang entwickelt

Dugin will allerdings nicht nur die Gegenwart formen, sondern auch die künftige Ideologie des russischen Volkes bestimmen. Als Leiter der nach dem faschistischen Philosphen Iwan Iljin benannten Hochschule für Politik an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität in Moskau plant er einen ganzheitlichen Umbau der Art und Weise, wie Politikwissenschaften künftig in Russland gelehrt werden sollen. Eine entsprechende 240-seitige Vorlesungsreihe sowie ein 76-seitiges Lehrkonzept liegen dem russischen Oppositionsmedium "Meduza" vor, das die Texte analysiert hat.

In diesem Konzept warnt Dugin vor einem "Amerikazentrismus", der die russische Politikwissenschaft derzeit dominiere und der überwunden werden müsse. "Der Amerikazentrismus dient als Werkzeug, um die Prinzipien der zerstörerischen neoliberalen Ideologie in den Köpfen der Studierenden zu verankern", schreibt Dugin. Diese Einstellungen würden "der russischen Zivilisation und Kultur" widersprechen.

Die Politikwissenschaft soll nach Dugin einem anderen Zweck dienen: Sie müsse "Bürgersinn" in Russland stärken und Patriotismus vermitteln. Den "Bürgersinn" definiert Dugin als "die Priorisierung des staatlichen und öffentlichen Lebens über das Privatleben sowie die Unterordnung individueller Interessen unter die Werte und Interessen des Vaterlandes".

Russland als "Drittes Rom"

Der Weg für die neue Ausrichtung der russischen Politikwissenschaften ist damit klar. Das Individuum ist im Kontext der Gesellschaft nichts, der Staat ist alles. Oder, um es in den Worten des faschistischen italienischen Vordenkers Alfredo Rocco zu sagen: "Der Staat ist für den Faschismus der Zweck, das Individuum ist das Mittel".

Um sein Lehrziel zu erreichen, greift Dugin zu einem kruden historischen Vergleich: Das russische Zarenreich sei der direkte politische Nachfolger des byzantinischen, des oströmischen Reiches. Dozenten sollen diese Theorie, für die es keine historischen Belege gibt, in ihrer Lehre übernehmen. Moskau soll nach Dugins Lehre als "drittes Rom" dargestellt werden – woraus ein imperialistischer Macht- und Gebietsanspruch erwächst, mit dem Dugin etwa den Krieg gegen die Ukraine rechtfertigt.

Neben der Theorie von Moskau als "drittem Rom" sollen Dozenten an der Iwan-Iljin-Hochschule auch den Neo-Eurasismus lehren, eine Ideologie, die Dugin in Russland wieder populär gemacht hat. Putins Chefideologe stellt sich darunter ein europäisches Imperium "von Dublin bis Wladiwostok" vor.

Russland von Dublin bis Wladiwostok

Der Historiker Stefan Wiederkehr zitiert Alexander Dugin in seinem Buch "Kontinent Evrasija": "Die wahren, geopolitisch gerechtfertigten Grenzen Russlands liegen bei Cadiz und Dublin". Europa sei dazu bestimmt, der Sowjetunion beizutreten. Der Zusammenbruch der UdSSR sei eine geopolitische Schwächung Russlands gewesen. In den neuen Lehrrichtlinien, aus denen "Meduza" zitiert, fordert Dugin, der Zusammenbruch der Sowjetunion müsse in einem "eindeutig negativen" Licht dargestellt werden.

Aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion sei allerdings der Aufstieg Putins gefolgt, eines "starken Präsidenten". In den Vorlesungen zur russischen Geschichte soll "die historische Bedeutung der Mission des Präsidenten zur Stärkung der Souveränität des Landes, zur Zentralisierung der Macht und zur Transformation Russlands in eine starke und moderne Macht" betont werden.

Des Weiteren fordert Dugins Hochschule die Lehrkräfte auf, den Studierenden zu vermitteln, dass ein "starkes, personifiziertes präsidentielles System, das seine Legitimität aus der Unterstützung des Volkes bezieht", das stabilste "Regierungs- und Öffentlichkeitsmodell" für Russland sei.

"Land" gegen "Meer"

Außenpolitisch geht Dugins Hochschule auf Konfrontation zum Westen. Mehrere Vorlesungen konzentrieren sich auf den Kampf zwischen den "Zivilisationen von Land und Meer", der angeblich den Großteil der Menschheitsgeschichte geprägt habe.

Im Sinne dieses Weltbilds wird der "kollektive Westen" als eine "Zivilisation des Meeres" dargestellt. Sie sei "dynamisch und anpassungsfähig", bevorzuge die Kontrolle über "maritime Handels- und Informationsströme" und basiere nicht auf "militärischer Stärke", sondern vielmehr auf "Geheimdiensten, der Marine und Kapital".

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sei nicht mehr als eine weitere Episode im größeren Kampf zwischen "Land" und "Meer". Russland habe sich "entschieden, einen weiteren Schritt zur Wiederherstellung seiner Position im globalen Machtgefüge zu unternehmen", nachdem die USA den Konflikt mit Russland "initiiert" hätten, indem sie "die formal neutrale Grauzone Ukraine mit der Revolution auf dem Maidan von 2014 besetzten und damit die letzte Hoffnung auf Frieden zunichtemachten".

Dugin will die russische Jugend auf Linie bringen

Mit diesen Inhalten will Dugin die russische Jugend auf Jahrzehnte prägen. Sollte Putin aus der Politik ausscheiden, wäre es schwerer, progressive Reformen gegen eine dann indoktrinierte Gesellschaft vorzunehmen. Außerdem bildet die angesehene Uni die politische Elite des Landes aus – und bringt sie entsprechend auf Linie.

Ob dieser neu entwickelte Politikwissenschaftskurs für Studierende "aller sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächer" verpflichtend wird, bleibt unklar. Zwei Quellen aus dem Umfeld der Universität sagten "Meduza", dass die Frage nach der Förderung der Ideen der Iljin-Schule noch nicht geklärt sei. Dugin betreibe allerdings aktiv Lobbyarbeit für seine Lehrinitiativen, um die Jugend des russischen Staates nach seinen Vorstellungen zu Faschisten auszubilden.

Verwendete Quellen

Quellen anzeigenSymbolbild nach unten

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