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Zum journalistischen Leitbild von t-online.Freiheitsliebe, Rum und das wilde Leben auf See Santiano übertreiben es mit dem Klischee

Im Februar 2014 präsentierten die Seemann-Popper Santiano ihre beiden Alben live im heimischen Hamburg und veröffentlichen nun die Live-CD/DVD "Mit den Gezeiten". Das altbewährte Shanty-Schlager-Rezept geht immer noch auf, bringt aber nicht viel Neues mit sich. Was bleibt, ist ein großes Vergnügen für Santiano-Fans: Seemannsgarn mit einer gehörigen Portion Pathos, eine Genre-Mix aus Schlagerpop und irischer Volksmusik.
Santiano sind sicher nicht einfach in eine Schublade zu stecken. Sie wirken oft wie ein gecastetes Projekt, das dem deutschen Unheilig-Fan auf den Leib geschneidert wurde. Dass es sich hier aber um gute und gestandene Musiker handelt, steht außer Frage. Mit weniger Seemanns-Kitsch und gerolltem "R" hätten die Herren eine interessante Abwechslung in der deutschen Musiklandschaft bieten können. Schade, dass es auf eine Karriere als Vorband von Helene Fischer und Piraten-Act beim Wacken Open Air hinausgelaufen ist.
Hart am Wind
An ihren Instrumenten überzeugen Santiano live in jedem Fall, auch die norddeutschen Ansagen sind charmant. Der Gesang lässt teilweise etwas zu wünschen übrig, ein dramatisches Live-Intro und die Duette mit Ethno-Popperin Oonagh helfen da nicht sonderlich. Es ist bedauerlich, dass gute Musik wie irischer Folk erst durch die Hitparaden-Klatschmaschine gedreht werden muss, bis sie hierzulande beim breiteren Publikum ankommt – siehe den Status von Santiano als Helene Fischers Vorgruppe.
Bisweilen über das Ziel hinaus
Die Texte handeln größtenteils von der Freiheitsliebe, Rum und dem wilden Leben auf See. Manche Zeilen sind aber schlicht und einfach drüber, Mittelalter- und Seefahrtromantik hin oder her. So singen Santiano mit Inbrunst: "Alle, die Weiber und Branntwein lieben, müssen Männer mit Bärten sein". Geschrieben hat das die Mittelalterband Die Streuner. In Zeiten von Conchita Wurst scheint das, mit Verlaub, eine bescheiden rückschrittliche Attitüde. Andererseits sollte man die Texte wohl einfach nicht so ernst nehmen. Ganz abgesehen davon ist dieser Song jedoch auch melodisch wie rhythmisch recht stumpf. Hoffentlich hatten die echten Seefahrer mehr Schneid.