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"Raketen-Influencer" aus Berlin: So lief der erste Prozess-Tag


Prozess gegen "Raketen-Influencer"
"Mein Kind hätte so was auch machen können"


02.04.2025 - 17:24 UhrLesedauer: 3 Min.
Influencer-Prozess wegen SilvesternachtVergrößern des Bildes
Der Angeklagte mit seinem Verteidiger Axel Czapp (r.) im Gerichtssaal: Der Mieter der Wohnung hat die Entschuldigung des Influencers nach eigener Aussage angenommen. (Quelle: Sebastian Gollnow/dpa/dpa-bilder)
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Ein Influencer schießt in der Berliner Silvesternacht eine Rakete auf ein Wohnhaus. Er lässt sich dabei filmen und verbreitet das Video im Netz. Seit Monaten sitzt er in U-Haft, jetzt beginnt der Prozess.

Das Medieninteresse ist größer als bei manchem Mordprozess, dabei klingt der Fall auf den ersten Blick unspektakulär. Der 23-jährige Atallah Younes soll am Silvesterabend eine Rakete auf ein Wohnhaus in Neukölln geschossen haben. Die Rakete durchschlug ein Fenster, landete in einem Schlafzimmer, ging dort hoch und hinterließ Brandflecken auf Teppich, Tapete und einer Bettdecke. Ein Feuer brach nicht aus.

Wenn es dabei geblieben wäre, hätte womöglich nie jemand groß Notiz von dem Vorfall genommen. Younes aber ließ sich filmen, als er die Rakete abschoss. Und er lud das Video bei Instagram hoch, wo er mehr als 300.000 Follower hat. Die Folge: Millionen Klicks, Empörung, etliche Medienberichte. Laut Staatsanwalt war das kalkuliert: "Es ging ihm darum, ein möglichst großes mediales Interesse auf sich zu ziehen."

Gut drei Monate später sitzt Younes auf der Anklagebank des Berliner Landgerichts. Die Anklage wirft ihm versuchte schwere Brandstiftung in Tateinheit mit versuchter gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung vor. Der palästinensische Influencer, der in Nablus im Westjordanland lebt und nur als Tourist nach Berlin kam, sitzt seit dem 4. Januar in Untersuchungshaft. Er wurde am Flughafen BER festgenommen, als er gerade in einen Flieger steigen wollte.

Angeklagter äußert sich nicht zu den Vorwürfen

Younes verfolgt den ersten Verhandlungstag konzentriert, macht sich immer wieder Notizen. Zu den Vorwürfen äußert er sich bisher nicht.

Zunächst sagt der Mann aus, in dessen Schlafzimmer die Rakete gelandet ist: der Familienvater Emin A. Er berichtet, wie er einen lauten Knall aus dem Nebenzimmer gehört habe, als die Rakete einschlug. Von den Schäden, die die Rakete hinterließ. Und von einem Gespräch mit dem Angeklagten am nächsten Tag.

Da hatte Younes nämlich die Bewohner der Wohnung besucht, auf die er die Rakete abgefeuert hatte, um sich zu entschuldigen. Auch davon hatte er ein Video gepostet, auf dem zu sehen ist, wie er neben Emin A. sitzt, sich entschuldigt, ihm den Kopf küsst. "Die Situation ist selbstverständlich falsch von Anfang bis Ende", sagte Younes laut der Übersetzung, die im Gericht verlesen wird. Er habe das nicht gewollt, habe zum ersten Mal mit so einer Rakete hantiert und nicht gewusst, dass sie explodiert.

"Er hat die Rakete gehalten und wollte seine Freude teilen"

Emin A. hat die Entschuldigung nach eigener Aussage angenommen. Er glaube Younes, dass er nicht mit Absicht auf seine Wohnung geschossen habe. Bei dem Besuch habe er dem jungen Mann väterliche Ratschläge gegeben, dass er in einem fremden Land sei und so etwas nicht machen dürfe. "Er hat die Rakete gehalten und wollte seine Freude teilen", übersetzt die Dolmetscherin für A., der auf Türkisch aussagt.

Auf die Frage, warum er Younes so schnell vergeben habe, sagt A.: "Er ist ein Jugendlicher. Ich habe mich in die Lage seiner Eltern versetzt. Mein Kind hätte so was auch tun können." Ob er von Younes und seinen Freunden, die ihn beim Besuch begleiteten, unter Druck gesetzt worden sei? A. verneint. Younes habe außerdem angeboten, für die entstandenen Schäden aufzukommen. Auch das habe er abgelehnt. "Es war ja nichts Wertvolles", sagt A.

Gesuchter wurde auf Polizeidienststelle nicht erkannt

Verteidiger Axel Czapp versucht, Fehler in der Ermittlungsarbeit der Polizei aufzudecken. Am späten Abend des 3. Januar hatte sich Younes in Begleitung eines Freundes auf einer Polizeiwache in der Pankstraße gemeldet. Der als Zeuge geladene Polizist Stefan M. hatte dort damals Dienst. Er habe nicht verstanden, was die Männer von ihm wollten, sagt er vor Gericht. Der eine habe nur Arabisch, der andere nur sehr gebrochen Deutsch gesprochen. "Sie wollten offenbar Informationen zu irgendeiner Straftat haben. Die konnte ich ihnen natürlich nicht geben", sagt der Polizist. Die Männer verließen die Wache wieder, obwohl Younes da schon seit gut sieben Stunden zur Fahndung ausgeschrieben war. Warum er denn die Personalien nicht aufgenommen habe, will der Verteidiger wissen. Eventuell habe er zu viel zu tun gehabt, so der Polizist.

Von Ermittlungsführer Hagen H. will Verteidiger Czapp mehrfach wissen, warum denn die Handys des Angeklagten nicht untersucht worden seien. Damit hätte man sich etwa einen Eindruck vom Angeklagten verschaffen können. Hagen H. sagt dazu, das von Younes gepostete Video habe für ihn keine Fragen offengelassen.

Für den Prozess gegen Younes sind noch drei weitere Verhandlungstage angesetzt. Am kommenden Montag soll eine Brandsachverständige aussagen. Ein Urteil wird Mitte April erwartet.

Verwendete Quellen
  • Reporter vor Ort
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