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Zum journalistischen Leitbild von t-online.Ende eines Kirchenfürsten Der Papst-Tod, der im Desaster endete
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Der Tod eines Papstes bewegt Milliarden, 1958 waren die Menschen dem Sterben von Pius XII. ganz nah. Es kam zu Skandalen und Pannen, die das Ende des Kirchenfürsten überschatteten.
Katholiken rund um den Globus trauerten am 8. Oktober 1958 – und mit ihnen Queen Elizabeth II. aus Großbritannien, US-Präsident Dwight D. Eisenhower und Bundeskanzler Konrad Adenauer aus Westdeutschland. Papst Pius XII. war verstorben, der 260. Bischof der ewigen Stadt Rom und "Stellvertreter Christi auf Erden".
Doch die Nachricht vom Tod des Papstes erwies sich als stark übertrieben, Pius XII. lebte noch, wie der Vatikan schließlich richtigstellte. Elizabeth II., Eisenhower und Adenauer hatten zu früh kondoliert, ebenso erging es italienischen Zeitungen, die die Nachricht aufgrund der irrtümlichen Meldung zweier Nachrichenagenturen zu früh in (Sonder-)Druck gegeben hatten. Die Polizei kassierte die Auflage mit der Zeitungsente ein, denn die Einwohner Roms standen kurz vor der Erstürmung der Redaktionen, in Sorge um den Papst.
Wahr wurde der Tod von Pius XII. dann kurze Zeit später, am 9. Oktober um 3.52 Uhr. Um 3.56 Uhr bereits sendete Radio Vatikan diese Meldung in die Welt hinaus, übersetzt in zahlreiche Sprachen. Radio Vatikan war dem Sterben des Papstes in dessen Residenz Castel Gandolfo ganz, ganz nah gewesen, im Raum neben dem Sterbezimmer war ein Studio installiert worden. Über Radio Vatikan waren wiederum auch die Katholiken und Nichtkatholiken rund um die Welt, die Anteil nahmen am Sterben des Papstes, informiert. Der Tod des Papstes avancierte zum "Medienereignis", wie es der Historiker René Schlott eingehend untersucht hat.
Pius XII. war in seinen letzten Lebensjahren immer wieder von gesundheitlichen Problemen geplagt worden, doch im Oktober 1958 wurde es für den 82-jährigen lebensbedrohlich. Als er Anfang des Monats in der päpstlichen Residenz in Castel Gandolfo Gläubigen den Segen spenden wollte, konnte er nicht mehr. "A Dio", "zu Gott", soll er er noch geflüstert haben, um dann vom Balkon zurückzutreten.
Eine ganz schlechte Entscheidung
In Redaktionen weltweit brachen Unruhe und Geschäftigkeit aus, es setzte ein Strom von Reportern gen Italien und Castel Gandolfo ein. Während es dem Papst immer schlechter ging, der mehrere Schlaganfälle erlitt. Seit das improvisierte Studio von Radio Vatikan neben dem Zimmer des Todkranken eingerichtet ward, war die Öffentlichkeit auch bestens über alle Entwicklungen auf dem Laufenden, selbst die Gesundheitswerte des Papstes gingen über den Äther. Pius XII. starb einen öffentlichen Tod. Reporter, Fotografen und nun auch Kamerateams warteten auf Neuigkeiten.
Das geradezu außer Kontrolle geratene öffentliche und mediale Interesse am Siechtum des Oberhaupts der römisch-katholischen Kirche brachte dann auch die verfrühte Meldung seines Ablebens zustande: Ein Intimus der Vorgänge im Castel Gandolfo hatte sich gegen ein entsprechendes Sümmchen bereit erklärt, per Signal den Papsttod nach draußen zu kommunizieren. Laut René Schlott war dieses ein geschwenktes Taschentuch aus einem vorher verabredeten Fenster. Doch der Betreffende war zu voreilig, die Falschmeldung in der Welt.
Dies war nicht das einzige Desaster, die eigentliche Katastrophe sollte noch folgen. Päpste genießen Ehrerbietung wie kaum eine andere Personengruppe in der Welt, aus diesem Grund findet eine Aufbahrung statt: Die Menschen sollen die Gelegenheit erhalten, von ihnen Abschied nehmen zu können. Dies ermöglicht die Einbalsamierung, damit der Körper nicht zu früh verfällt. Normalerweise garantieren uralte und erprobte Verfahren, dass dabei nichts schiefgeht: Organe werden dazu aus dem Körper entfernt, Blut wird durch Chemikalien mit konservierender Wirkung ausgetauscht.
Doch Riccardo Galeazzi-Lisi, seines Zeichens Leibarzt von Pius XII., hatte eine andere Idee. Öle ätherischer Art und bestimmte Kräuter sollten von außen – ohne den Körper aufschneiden zu müssen – den toten Papst für die Aufbahrung in einem vertretbaren Zustand halten. Damit diese Mittelchen auch gut wirken konnten, wickelte man den toten Körper des Papstes in Cellophan ein.
Drei Päpste in einem Jahr
Die Mühe hätte sich Galeazzi-Lisi sparen können, seine Methode erwies sich als kompletter Fehlschlag. Ein Fehlschlag, der die Wachen beim aufgebahrten Leichnam in Castel Gandolfo einer äußersten Belastungsprobe aussetzte: Der Gestank der Leiche ließ einen nach dem anderen kollabieren. Später nach Rom überführt, wurde sie im Petersdom extra erhöht aufgebahrt, damit weder die Augen noch die Nasen der Staatsgäste und Gläubigen allzu viel von ihrem Zustand mitbekamen. Von Letzteren erwiesen Millionen dem verstorbenen Papst, dessen Handeln während des Zweiten Weltkriegs und Holocaust bis heute umstritten und viel diskutiert ist, die letzte Ehre.
Mediziner Galeazzi-Lisi sollte auch nach der Beisetzung von Pius XII. am 13. Oktober 1958 von sich reden machen. Der Arzt versuchte, Details und Fotografien aus dem Sterbezimmer an die Medien zu verhökern, manche lehnten ab, andere schlugen beherzt zu. Darunter befand sich der "Stern" aus der Bundesrepublik. Dafür entließ der Vatikan Galeazzi-Lisi, sein Ausschluss aus der Ärztekammer Italiens folgte.
Neuer Papst wurde Johannes XXIII., der fast fünf Jahre lang dieses höchste Amt innehatte. Sein Tod 1963 wurde von der Schweizer Zeitung "Blick" zwei Tage zu früh vermeldet, immerhin wurden in seinem Fall aber erfahrene Leichenkonservatoren eingesetzt. Also für die Medien ein eher unspektakulärer Todesfall im Vatikan.
1978 sah das anders aus. Am 6. August des Jahres starb Paul VI., Nachfolger wurde Johannes Paul I., der eher Außenseiterstatus hatte, dafür aber einen Beinamen mit Klang: "Papst des Lächelns". 33 Tage weilte Johannes Paul I. allerdings nur im Amt, dann wurde er morgens tot in seinem Bett aufgefunden. Konnte da jemand seine Hand im Spiel gehabt haben beim Ableben des Kirchenfürsten?
So nahmen derartige Überlegungen von Rom aus mittels medialer Befeuerung ihre Wanderung in die Mottenkiste der Verschwörungsmythen. Tatsächlich starb Johannes Paul I. eher eines natürlichen Todes, wie seriösere Nachforschungen ergeben haben. Dazu dürfte die Last der Verantwortung beigetragen haben. Diese übernahm im Drei-Päpste-Jahr schließlich der Pole Karol Woytila, der als Johannes Paul II. fast 27 Jahre Papst sein sollte.
- Eigene Recherche
- René Schlott: "Performanz der Sterblichkeit. Der Tod Papst Pius' XII. (1958) als Medienereignis", in: Frank Bösch; Patrick Schmidt (Hrsg.): "Medialisierte Ereignisse. Performanz, Inszenierung und Medien seit dem 18. Jahrhundert, Frankfurt/Main 2010
- spiegel.de: "Der bizarre Tod des Stellvertreters"spiegel.de: "Ein mörderisches Pontifikat"
- welt.de: "Der umtriebige Arzt, der den toten Papst verstümmelte"