Die subjektive Sicht zweier Autoren auf ein Thema. Niemand muss diese Meinungen übernehmen, aber sie können zum Nachdenken anregen.
Meistertrainer Xabi Alonso Jetzt platzt die Alonso-Blase

Bayer Leverkusen droht ein Jahr nach dem Double eine titellose Saison. In der Diskussion: Trainer Xabi Alonso.
Champions League? Krachendes Aus im Achtelfinale gegen den FC Bayern. DFB-Pokal? Blamage im Halbfinale bei Drittligist Arminia Bielefeld. Bayer Leverkusen steht ein Jahr nach dem Double-Gewinn vor einer titellosen Saison – der Fokus der Werkself liegt jetzt voll auf dem Endspurt in der Bundesliga.
Sechs Punkte beträgt der Rückstand auf Tabellenführer Bayern, sieben Spiele stehen noch aus. Für Sportchef Simon Rolfes ist die sensationelle Pleite in Ostwestfalen "für die Meisterschaft umso mehr Verpflichtung, Vollgas zu geben".
Trainer Xabi Alonso versuchte sich in Zweckoptimismus: "Das ist unser Wettbewerb jetzt. Es ist nicht einfach, aber wir versuchen es." Alonso steht ob der zwei gescheiterten Wettbewerbe ohnehin schon im Rampenlicht (mehr dazu lesen Sie hier).
Die Frage, die die derzeitige Bilanz aufwirft: Ist der Zauber von Xabi Alonso schon verflogen?

Der Hype ist vorbei
Die peinliche Pleite bei den tapferen Zwergen aus Bielefeld ist der Beweis: Der Alonso-Hype ist vorbei. Bei der Cinderella-Story läuft der Abspann. Hauptdarsteller Xabi Alonso hat zweieinhalb Jahre lang die Blase des Werkklubs so stark aufgepumpt, dass dieser für einen Moment größer wirkte als der Gigant in München.
Er hat fußballerische Rohdiamanten, die die Geschäftsführer Fernando Carro und Simon Rolfes geschürft hatten, im Handumdrehen zu Edelsteinen geschliffen. Er hat ihnen seine Tempofußball-Idee und seine Siegeraura eingehaucht. Mit riesigem Erfolg. Den Meistertitel und den Pokalsieg nimmt Alonso niemand mehr. Jetzt aber platzt die Bubble: Zum zweiten Mal nach dem verlorenen Europa-League-Finale vor einem Jahr hat das Edel-Ensemble ein "Spiel des Jahres" aus der Hand gegeben, das es eigentlich hätte gewinnen müssen.
Weil nach ganz oben strebende Jungstars in der deutschen Provinz nur eine kurze Halbwertszeit haben. Selbst der charismatische Alonso kann sie nicht mehr zusammenhalten. Spieler wie Tah, Frimpong, Grimaldo und auch Florian Wirtz kicken nicht für Bayer, sondern für die eigene Karriere: Leverkusen ist ihr Sprungbrett, Alonso war ihr Anschieber. Jetzt scheren sich nicht mehr genug um das Leverkusener Luftschloss, langfristig in Europas Spitzenklasse mitspielen zu wollen.
Jonathan Tah ist bei Barça im Gespräch, auch Grimaldo und Frimpong zieht es nach Spanien, von Wirtz träumen die Münchner Bayern. Und wie könnte ausgerechnet Alonso ihnen diesen Traum austreiben, wo es doch ein offenes Geheimnis ist, dass er eher kurz- als mittelfristig Trainer bei Real Madrid werden soll und will?
Das ist die Leverkusener Realität. Das Meisterteam zerbröckelt. Der Traum ist ausgeträumt. Man hat es in Bielefeld ganz deutlich gesehen.

Eine Anmaßung
Eine Pokalblamage wie die gegen Bielefeld tut weh, da gibt es keine Diskussionen. Die Chance auf einen Titelgewinn und einen zusätzlichen Pokal in der Vitrine war für Bayer Leverkusen und Trainer Xabi Alonso da. Aber sie ist vertan – genau wie die in der Champions League. Da allerdings gegen starke Bayern.
Xabi Alonso kann nichts mehr? Der Zauber verflogen? So ein Quatsch. Ein Unsinn. Eine Anmaßung, so etwas zu behaupten. Alonso, erst 43 Jahre alt, ist momentan der begehrteste Trainer Europas. Real Madrid will ihn unbedingt, der FC Bayern träumt wohl heimlich weiter vom Spanier – und wer weiß, wie sie gerade in England über Alonso nachdenken.
In seiner ersten kompletten Spielzeit in Leverkusen lief es überragend, auch als Nicht-Leverkusen-Fan machte es großen Spaß, der Mannschaft zuzuschauen. Das lag vor allem am Trainer, der sein Team fantastisch eingestellt hatte. Dass es nun etwas holpriger verläuft, Alonso nicht mehr jeder taktische Kniff gelingt, war zu erwarten. Das ist einfache Fußball-Logik.
Und ein Ziel haben sie in Leverkusen doch noch: Erneut die deutsche Meisterschaft zu gewinnen. Sechs Punkte Rückstand, dazu ein viel schlechteres Torverhältnis gegenüber den Bayern – und dennoch ist nichts verloren, wenn man einen Blick auf den Spielplan wirft. Dazu kommt: Der deutsche Rekordmeister hat noch zwei schwere Spiele in der Champions League gegen Inter Mailand zu bestehen. Leverkusen nicht mehr.
Xabi Alonso wird sich nach dem Pokal-Aus einmal durchschütteln, dann seine Spieler wachrütteln, um den Traum von der Meisterschaft doch noch perfekt zu machen.
Der Spanier kann das schaffen. Er hat schon ganz andere Wunder mit Leverkusen vollbracht. Er braucht natürlich auch seine Mannschaft dazu. Die steht aber hinter ihrem Trainer, sie vertrauen ihm – und werden allen beweisen wollen, dass das Aus im Pokalhalbfinale nicht mehr als ein Betriebsunfall war.
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- Eigene Beobachtungen
- Mit Material der Nachrichtenagentur SID