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Charité Berlin: Arzt über "Global Disability Summit" und Inklusion


Charité-Arzt im Rollstuhl
"Wir müssen extrem aufpassen"

  • Nils Heidemann
InterviewVon Nils Heidemann

Aktualisiert am 03.04.2025 - 14:19 UhrLesedauer: 6 Min.
Dr. Leopold Rupp in der Charité: Er wünscht sich mehr Teilhabe für Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft.Vergrößern des Bildes
Leopold Rupp in der Charité: Er wünscht sich mehr Teilhabe für Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft. (Quelle: privat)
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Tausende Menschen kommen in Berlin aktuell zum Weltgipfel für Menschen mit Behinderung zusammen. Ein kleinwüchsiger Arzt der Berliner Charité erklärt, warum das notwendig ist.

In Berlin treffen sich am Mittwoch (2. April) und Donnerstag (3. April) mehr als 3.000 Menschen aus 100 Ländern beim Weltgipfel für Menschen mit Behinderung. Sie alle möchten die Barrierefreiheit und die Inklusion voranbringen. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der jordanische König Abdullah II. eröffneten den "Global Disability Summit" in der deutschen Hauptstadt.

Mit dabei ist auch Dr. Leopold Rupp. Er lebt mit Diastrophischer Dysplasie, einer angeborenen Form der Kleinwüchsigkeit. Diese geht mit einer kleineren Körpergröße und Veränderungen des Skelettsystems einher. Das führt dazu, dass er hauptsächlich einen Rollstuhl nutzt. Trotzdem arbeitet er als Arzt der Allgemeinmedizin in der Charité in Berlin, reist in der Welt umher und war 2012 außerdem als Sportschütze bei den Paralympics in London dabei.

Im Interview erklärt er, warum Menschen mit Behinderungen zu der Gesellschaft dazugehören, wie sein Arbeitsalltag als Arzt aussieht und warum ihm die Entwicklungen in den USA Sorgen bereiten.

t-online: Herr Rupp, was sind die größten und häufigsten Fehler, die Personen im Umgang mit Menschen mit Behinderung machen?

Leopold Rupp: Sie sind zu schüchtern oder zu vorsichtig. Ein Beispiel: Ich fliege gerne mit Freunden in den Urlaub. Dann kommt am Flughafen ein Mitarbeiter zu uns, der mir wegen meines Rollstuhls ins Flugzeug hilft. Aber der spricht meinen Freund an und nicht mich. Dann denke ich: "Hallo, Rupp mein Name, Sie können auch gerne mit mir reden."

Wieso spricht diese Person Sie in einem solchen Moment nicht selbst an?

Ich glaube, viele Personen wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, dass der Mensch vor ihnen eine Behinderung hat. Aber keine Sorge: Der Mensch mit Behinderung wird einem schon sagen, wenn etwas nicht okay ist. Die Gesellschaft muss die Scheu abbauen. Aber wir sind da relativ weit mittlerweile. Es ist sicherlich deutlich besser als noch vor 10 oder 20 Jahren.

Können Sie denn nachvollziehen, dass Menschen Angst davor haben, Fehler zu machen?

Voll. Andererseits sind Menschen mit Behinderungen auch ein Durchschnitt der Bevölkerung. Ich glaube, man muss mit Behinderten genauso umgehen, wie man mit jedem anderen Menschen umgehen würde.

Ihr Alltag ist sicherlich komplizierter als der von den meisten Menschen. Was sind Ihre größten Probleme?

Es gibt einen schönen Spruch, der besagt: Man ist nicht zwingend behindert, sondern man wird behindert.

Das müssen Sie erklären.

Die Umwelt ist der entscheidende Punkt. Wenn etwa alle Stationen im öffentlichen Nahverkehr barrierefrei sind, ist es für mich in meinem Alltag wenig einschränkend. Wenn es nicht so ist, dann wird es schwieriger.

Wie häufig stehen Sie vor solchen Herausforderungen?

Gerade eben noch. Ich wollte am Rosenthaler Platz aussteigen, aber da wird der Fahrstuhl bis Juli repariert. Dann bin ich weiter zum Alexanderplatz und die gesamte Strecke hierher gerollt. Das ist in Ordnung für mich. Aber das ist sozusagen eine Behinderung, die mich behindert.

Bleiben wir beim Thema Barrierefreiheit. Gibt es grundsätzlich Verbesserungspotenzial in Berlin und deutschlandweit?

Es ist besser geworden, aber wir hinken natürlich trotzdem massiv hinterher. In Berlin haben weiterhin nicht alle U-Bahn-Stationen einen Fahrstuhl. Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben. Da hat sich der Staat dazu verpflichtet, den öffentlichen Raum barrierefrei zu gestalten.


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Ich kann zwar keinen Marathon laufen, aber das können andere Menschen auch nicht.


Leopold Rupp


Woran scheitert es insbesondere?

Es ist hauptsächlich eine Geldfrage. Man muss sich als Gesellschaft überlegen, ob wir uns Behinderung leisten können und wollen. Wenn man das mit Ja beantwortet, dann muss man investieren. Ich glaube, auf lange Sicht wäre das ein Investment für die alternde Gesellschaft. Natürlich müssen etwa Aufzüge gewartet oder renoviert werden. Aber wenn man es schafft, die Umwelt barrierefreier zu machen, dann führt es vielleicht dazu, dass ältere Menschen nicht so schnell ins Pflegeheim müssen. Marktwirtschaftlich ist das zudem günstiger, wenn Senioren weiter in ihren Wohnungen leben können. Dann kommt vielleicht zweimal am Tag ein Pflegedienst vorbei, aber sie müssen keine 6.000 Euro im Monat für einen Platz im Heim zahlen.

Sie selbst lassen sich kaum durch Ihre Behinderung einschränken. Man sieht Sie in den sozialen Medien auf Reisen mit Freunden, werden auf Konzerten über die Menge getragen und fahren Ski mit Rollstuhl. Sie scheinen eine große Lebensfreude zu haben.

Ich glaube, die habe ich, unabhängig von meiner Behinderung. Ich kann zwar keinen Marathon laufen, aber das schaffen andere Menschen auch nicht. Deshalb führe ich kein trauriges Leben. Manche Dinge kann ich zwar nicht, dafür andere Dinge besser ...

… Arzt sein zum Beispiel.

(lacht) Ganz genau.

Spielt Ihre Behinderung im Kontakt mit Patienten eine Rolle?

Selten. Ich glaube, das ist auch eine Frage des Auftretens. Ich habe ein gutes Menschengespür. Das heißt, ich kann schon im Vorfeld einschätzen, ob es bei dem spezifischen Menschen ein Problem werden könnte. Dann trete ich dementsprechend bestimmt auf. Da lasse ich gegebenenfalls verbal keinen Raum für eine Nachfrage in diese Richtung. Ich bin dann – in Anführungszeichen – sehr dominant und stelle mich mit Doktortitel vor.

Gab es nie Momente, in denen Ihnen eine Person blöd gekommen ist?

Natürlich gab es die. Gerade hier in der Großstadt hat man immer mal wieder betrunkene Patienten. Die sind distanzgemindert im Rahmen ihrer Intoxikation. Aber genau da lasse ich diesen Spielraum nicht zu. Ich sage denen, dass ich der behandelnde Arzt bin. Und entweder sie lassen sich von mir behandeln oder gehen woanders hin.

Konnten Sie Ihr Medizin-Studium ohne Probleme absolvieren?

Ja, weitestgehend schon. Die Anatomie im dritten und vierten Semester war etwas schwieriger. Da seziert man Leichen an Stehtischen. Diese Tische konnte man nicht herunterstellen. Mittlerweile habe ich einen hochfahrbaren Rollstuhl bei der Arbeit. Den hatte ich damals nicht. Da war die Leiche dann auf meiner Nasenhöhe. Das ist natürlich ungünstig, nicht nur wegen des Geruchs (lacht).

In vielen Berufsgruppen sind behinderte Menschen noch unterrepräsentiert – bei den Ärzten auch. Ich kenne zumindest wenige Ärzte, die eine Behinderung haben.

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10 Prozent der Bevölkerung in Deutschland hat eine Behinderung. Das sind ungefähr 8 Millionen Menschen. Davon sind einige zwar nicht mehr erwerbstätig, weil sie etwa über 65 Jahre sind, aber da bleibt trotzdem eine erhebliche Anzahl von Menschen übrig. Gleichzeitig sind aber bei Weitem nicht 10 Prozent im Arbeitsmarkt integriert. Ich kenne zwar Studierende mit einer Behinderung an anderen Unikliniken in Deutschland. Es studieren auch immer mehr Menschen mit einer Behinderung Medizin. Aber es entspricht weiterhin nicht dem Durchschnitt.


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Die Politik muss eine starke Stimme gegen Exklusion sein.


Leopold Rupp


Sie sagen, die Politik soll unter anderem Geld in die Hand nehmen und behinderten Menschen Zugang zum Leben und zu Jobs ermöglichen. Was wünschen Sie sich noch von der Politik?

Die Politik, oder vielmehr die freie europäische Welt, muss eine starke Stimme gegen Exklusion sein. Wir müssen extrem aufpassen, gerade mit Blick auf die USA. Es gab jetzt Berichte darüber, dass die amerikanische Botschaft in Frankreich Unternehmen aufgefordert hat, ihre Diversitäts- und Inklusionsprogramme einzustellen. Wir müssen zusehen, dass die Inklusionsfortschritte der letzten 25 Jahre nicht verpuffen. Ich fordere die Politik auf, für Menschen mit Behinderungen und deren Belange zu kämpfen, damit es weitergeht und nicht stillsteht oder sogar zurückgeht.

Bereiten Ihnen diese Entwicklungen, zum Beispiel in den USA, große Sorgen?

Auf jeden Fall. Obwohl ich ein sehr selbstbestimmtes Leben als Arzt in Berlin führe, mache ich mir Sorgen um mich selbst. Weil es mich selbst betrifft – und zehn Prozent der Deutschen. Ich sage immer Folgendes, weil ich es als Arzt bewerten kann: Es stirbt eigentlich niemand ohne Behinderung. Ab 65 oder 75 oder 85 Jahren hat jeder irgendeine Krankheit oder eine Behinderung. Etwa, weil sie einen Schlaganfall hatten und dann nicht mehr so gut laufen können. Deshalb geht es uns alle etwas an, wenn Länder wie die USA eine exklusive und nicht eine inklusive Gesellschaft formen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Verwendete Quellen
  • Persönliches Interview mit Dr. Leopold Rupp am 1. April 2025
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