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Zum journalistischen Leitbild von t-online.Kampf gegen Mücken Dieses Medikament macht Blut zur tödlichen Waffe

Ein Medikament entpuppt sich als Gift für Mücken – und könnte so die Verbreitung einer gefährlichen Tropenkrankheit stoppen. Eine neue Studie zeigt: Der Wirkstoff bleibt tagelang aktiv und wirkt selbst bei resistenten Insekten.
Malaria tötet jährlich über 600.000 Menschen – und ist nur eine von vielen gefährlichen Krankheiten, die durch Mücken übertragen werden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab es im Jahr 2023 rund 263 Millionen Malariafälle. Doch nun gibt es Hoffnung aus dem Labor: Forscher haben herausgefunden, dass das Medikament Nitisinon menschliches Blut für Mücken tödlich machen kann. Die Ergebnisse wurden am 26. März im Fachjournal "Science Translational Medicine" veröffentlicht.
Schon kleinste Mengen des Wirkstoffs im Blut führten dazu, dass die Mücken wenige Stunden nach dem Stich verendeten. Das Medikament ist in den USA bereits zugelassen – allerdings zur Behandlung seltener Stoffwechselkrankheiten. Die neue Entdeckung weckt nun Hoffnung auf eine ganz neue Einsatzmöglichkeit im globalen Kampf gegen Mücken und die von ihnen verbreiteten Krankheiten.
"Das Interessante daran ist, dass wir ein Medikament verwenden, das bereits von der FDA zugelassen ist, weil es zur Behandlung seltener genetischer Krankheiten eingesetzt wird."
Álvaro Acosta Serrano, Parasitologe, Vektorbiologe und Mitautor der Studie
Das Forschungsteam untersuchte in der Studie gezielt die Wirkung von Nitiosinon an der weiblichen Anopheles gambiae Stechmücke. Diese überträgt Malariaparasiten von Mensch zu Mensch. Es zeigte sich: Das Medikament blockiert ein zentrales Enzym, das die Mücken für die Verdauung ihrer Blutmahlzeit benötigen. Ganz unabhängig davon, ob die Mücken alt, jung oder gegen gängige Insektizide resistent waren. Sogar bei niedriger, therapeutischer Dosierung war das Mittel wirksamer als das bisher eingesetzte Antiparasitikum Ivermectin. Zudem bleibt die Wirkung des Medikaments bis zu 16 Tage nach der ersten Einnahme bestehen.
Medikament schützt nicht direkt vor Infektion
Wichtig ist: Nitisinon schützt nicht direkt vor einer Malariainfektion. Doch indem es die Mücken tötet, bevor sie sich fortpflanzen können, könnte es die Population der Überträger so stark reduzieren, dass die Infektionskette unterbrochen wird. Ähnlich wie bei Impfstoffen, die auf Herdenimmunität setzen, liegt das Potenzial des Medikaments nicht im individuellen Schutz, sondern in der kollektiven Wirkung – als Gemeinschaft könnte man so die Ausbreitung der Krankheit wirksam eindämmen.
Im Zusammenspiel mit bestehenden Maßnahmen könnte es ein wertvoller Baustein sein. Dazu zählen etwa mit Insektiziden behandelte Moskitonetze, Malariapräventionsmedikamente oder Impfstoffe. Besonders vielversprechend erscheint der Ansatz in Regionen, in denen Mücken bereits Resistenzen gegen herkömmliche Methoden entwickelt haben.
Wirkstoff derzeit noch zu teuer
Aktuell kostet eine Behandlung mit Nitisinon bis zu 380.000 US-Dollar pro Jahr. Die Kosten sind zu hoch für einen flächendeckenden Einsatz. Doch Forscher Acosta Serrano sieht Potenzial: Sollte das Interesse an dem Wirkstoff steigen, könnten die Kosten um bis zu 80 Prozent sinken.
"Malaria ist eine Krankheit der Armut", sagte George Dimopoulos, Molekularbiologe an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health zu National Geographic. "Alles, was teuer oder aufwendig ist, wird nicht funktionieren, vor allem nicht bei einer Interventionsmethode wie dieser, bei der man nicht den Einzelnen vor Malaria schützt, sondern die Bevölkerung."
Rund die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Gebieten mit einem erhöhten Risiko für Malaria. Besonders betroffen sind Regionen in Subsahara-Afrika und Indien. Malaria trifft vor allem Menschen in Armut – denn obwohl es wirksame Mittel zur Vorbeugung und Behandlung gibt, fehlt vielen in Entwicklungsländern der Zugang dazu.
- who.int: "World malaria report 2024"
- nationalgeographic.com: "To fight malaria, scientists want to poison mosquitoes—with human blood"
- science.org: "Anopheles mosquito survival and pharmacokinetic modeling show the mosquitocidal activity of nitisinone"
- bmz.de: "Bekämpfung der Malaria"