Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung übernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.
Was Meinungen von Nachrichten unterscheidet.Diskussion um Kinderserie Jetzt gerät sogar die "Sesamstraße" ins Visier

Ricardo Simonetti wird im Herbst in der "Sesamstraße" zu sehen sein. Schon jetzt verbreitet sich deswegen Hass. Vor allem ein Fernsehsender zeigt, wie man darauf am besten reagiert.
Meine Cousine Ela ist vier Jahre älter als ich und war in meiner Kindheit so etwas wie eine große Schwester. Noch immer gebe ich viel auf ihren Rat und ihre Meinung und rufe sie an, wenn ich nicht weiter weiß. Als ich klein war und Ela nicht mehr ganz so klein, war meine bevorzugte Form der Anerkennung ihrer bisherigen Lebensleistung – ganz kindgerecht – Imitation. Meine bis heute ungebrochene Liebe für "Die Ärzte" und das textsichere Absingen ihrer frühen Songs stammt aus dieser Zeit. Auch "Modern Talking" genossen lange Elas und damit auch meine gottgleiche Verehrung – aber ich sag mal so: die eine (ich) hat sich da geschmacklich weiterentwickelt, die andere (ich lasse sie hier um des Familienfriedens willen lieber ungenannt) hat sich für die nostalgische Variante entschieden.

Zur Person
Die Fernsehjournalistin Nicole Diekmann kennt man als seriöse Politikberichterstatterin. Ganz anders, nämlich schlagfertig und lustig, erlebt man sie auf X – wo sie über 120.000 Fans hat. Ihr Buch "Die Shitstorm-Republik" ist überall erhältlich. Bei t-online schreibt sie jeden Mittwoch die Kolumne "Im Netz". Mehr
Auch Boy George spielte eine herausragende Rolle in unserem Leben. Ich liebte seine Musik, das Weiche des Reggae. Und ich war fasziniert von diesem Mann, der so anders aussah als alle Männer, die ich als Vier- oder Fünfjährige im ostwestfälischen Gütersloh so zu Gesicht bekam. Keiner der Freunde meiner Eltern trug lange Haare oder Make-up.
Eine noch ältere Freundin, die Tochter unserer Nachbarn, machte mir in dieser Zeit ein großes Geschenk: Feierlich überreichte Claudia mir ein Bravo-Poster von George. Noch feierlicher hängte ich es in mein Kinderzimmer und verlor mich immer wieder in Georges tollen Haaren, dem stark geschminkten Gesicht, dem Hut, seinem Anderssein.
Niemand wird da traumatisiert
Ohne jetzt groß ins Detail gehen zu wollen: Der Schaden, den ich dadurch erlitten habe, hält sich in Grenzen. Ich führe ein völlig durchschnittliches Privatleben, bin nicht gewalttätig, habe noch nie auch nur ansatzweise über einen Amoklauf nachgedacht. Ein Boy-George-Trauma kann ich nicht vorweisen.
Warum ich all das schreibe? Weil Ricardo Simonetti in der nächsten Staffel der "Sesamstraße" zu Gast sein wird. Simonetti ist Moderator, Autor, mit einem Mann verheiratet, trägt lange Haare und Schminke. Simonetti soll in der "Sesamstraße" ein Lied singen. Sind Sie auch so wenig außer sich wie ich? Logo.
Der Hass kommt aus der üblichen Ecke
Einige stark Verstörte allerdings tun nun so, als wäre eine Kirche entweiht worden. Sie tun so, als würde ein geschminkter und offen homosexueller Mann in dieser Kirche der kindlichen Unschuld den sich dort tummelnden Kindern Hass gegen die Gesellschaft predigen. Dabei lohnt sich ein kurzer Realitätsabgleich: Ich möchte hier einmal kurz daran erinnern, wie viele schlimme Verbrechen kindlicher Unschuld angetan worden sind – und zwar tatsächlich in Kirchen und durch Kirchenvertreter.
Der Hass kommt aber nicht von Simonetti, sondern von anderen. Ich werde hier nicht wiederholen, zu welchen abseitigen, abgründigen und auch schlicht und einfach dummen Äußerungen sich der berühmte Mob mal wieder verstiegen hat. Wir haben das zigmal durch, leider, und warum sollte ich Zitate von Menschen, die es entweder nicht besser wissen oder aber nicht besser haben wollen, mit meiner Kolumne adeln?
"Sesamstraße" steht für Toleranz und Weltoffenheit
Aus welcher Ecke dieser Unsinn kommt, wissen Sie auch alle. Nur so viel: Die Vorsitzende der Partei, deren Anhänger und zum Teil auch Funktionäre jetzt Sturm laufen, lebt offen homosexuell. Ein Spitzenmann dieser Partei ist vor Jahren mal während eines Orkans auf den Brocken gewandert. Ich wiederhole: Es tobte ein Orkan. Das ist nicht sinnbildlich gemeint, und ich wähle hier auch nicht das journalistische Mittel der Zuspitzung. Es war Orkan, der Mann und seine Frau stiegen auf den Brocken – und mit dabei hatten sie ihren einjährigen Sohn. Weder bin ich Pädagogin noch Mitglied im deutschen Wanderverein, und trotzdem sage ich es gerne sehr klar: Das wird für das Baby gefährlicher und vor allem verstörender gewesen sein, als es Simonettis Besuch in der Sesamstraße, die seit jeher für Toleranz, Weltoffenheit und warmes Miteinander steht, für alle Kinder dieser Welt je sein kann.
Nun. Genug Zeit verschwendet auf die Hass-Prediger. Widmen wir uns wieder den positiven Seiten dieser Geschichte: dem beherzten Vorgehen der "Sesamstraße". Die hat mit Verweis auf Etikette und normalen (!) zwischenmenschlichen Umgang die Kommentarspalte unter ihrer Ankündigung des Simonetti-Gastspiels geschlossen. Eine sehr gute Idee. Hass ist erstens keine Meinung, auch das wissen wir. Also, Sie und ich und die allermeisten anderen auch. Zweitens kommentieren da im Zweifel Leute, die im realen Leben für jegliche Diskussion nicht zur Verfügung stünden, weil sie sich nur im Netz hinauswagen.
Ein Sender geht in die Offensive
Im Netz sieht man das oft nicht, aber die "Argumente", die diese Leute ins Feld führen, auf den Schlachtplatz, auf dem sie sich gegen ihre Dämonen zu wehren versuchen, sind ja Offenbarung genug. Dummheit und Intoleranz lassen sich nicht abstellen. Ihre Verbreitung aber. Diese Stellschraube haben Accountinhaber, und die "Sesamstraße" macht davon Gebrauch. Das nennt man wehrhaft. Und wehrhaft ist gut.
Noch weiter, nämlich in die Offensive, geht ProSieben. ProSieben hat mit der "Sesamstraße" nichts zu tun, das ist eine NDR-Produktion. Aber ProSieben ist ein Sender und beschränkt sein Sendungsbewusstsein nicht nur auf seine TV-Formate. Die sehr löbliche Social-Media-Strategie ist, sich für das gesellschaftliche Klima und unseren Umgang miteinander verantwortlich zu fühlen.
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Diesem Auftrag kommt ProSieben in den sozialen Netzwerken regelmäßig und allermeistens vorbildlich nach. Auf X (früher Twitter), bezieht der zugehörige Account nun auch sehr klar Position und stellt sich offen und klar vor Simonetti und gegen Leute, die anscheinend vieles nicht wissen. Wie man sich benimmt, zum Beispiel. Das nennt man Haltung. Und Haltung ist gut.
- Eigene Meinung