Die subjektive Sicht zweier Autoren auf ein Thema. Niemand muss diese Meinungen übernehmen, aber sie können zum Nachdenken anregen.
Frage der Woche "Es braucht weitere Maßnahmen wie ein Urlaubsreiseverbot"

Für Experten erscheint es aufgrund der aktuellen Lage kaum realistisch, dass man in diesem Jahr in den Urlaub fährt oder fliegt. Würden die Deutschen das akzeptieren? | Von Robert Hiersemann und Florian Wichert.
Die Corona-Krise hat das Leben in Deutschland auf den Kopf gestellt. Die Grenzen sind geschlossen, Großveranstaltungen abgesagt, Bars und Kneipen zu, in Krankenhäusern gilt ein Besuchsverbot. Nach Ostern berät die Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern über die Frage, wie lange die Einschränkungen gelten sollen und welche womöglich gelockert werden können. Experten befürchten längst, dass einige die Bevölkerung noch lange begleiten werden – zum Beispiel beim Thema Urlaub.
Am deutlichsten formulierte es wohl SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach bei "Markus Lanz" im ZDF: "Der Sommerurlaub im klassischen Sinn wird nicht stattfinden. Das gilt für Besuche in Freibädern, auf Festivals, im Fußballstadion. Selbst Wegfliegen ist für mich nicht vorstellbar. Ostsee, Badesee – keine Chance." Ärztepräsident Klaus Reinhard sagte der Funke Mediengruppe zuvor: "Ich glaube nicht, dass die Deutschen in diesem Sommer schon wieder Urlaubsreisen machen können."
Die offizielle Reisewarnung der Bundesregierung gilt zunächst bis Ende April, doch es ist gut möglich, dass diese verlängert wird. Zudem wurde in vielen anderen Länder ein Einreiseverbot verhängt. Es schwinden nicht nur die Chancen auf einen Urlaub im Sommer, sondern auf einen Urlaub im ganzen Jahr 2020. Und das führt zu der Frage:
Würde die deutsche Bevölkerung ein generelles Urlaubsreiseverbot für 2020 akzeptieren?

Ja, weitere Maßnahmen sind sogar erwünscht
Wer in Sachsen lebt, darf sich nicht weiter als 15 Kilometer von "seinem Wohnbereich" entfernen, in Rheinland-Pfalz wird Eisverkauf mit 4.000 Euro Bußgeld belegt, in NRW herrscht ein Picknickverbot – und ganz Deutschland hält sich ohne Murren an Abstandsregeln, Kontaktverbot und eingeschränkte Grundrechte.
Warum? Weil es verdammt noch mal um Menschenleben geht. Was vor einigen Wochen völlig absurd geklungen hätte, ist aufgrund der Corona-Pandemie von der breiten Mehrheit der deutschen Bevölkerung nicht nur akzeptiert, sondern als Sicherheitsmaßnahme gewollt.
Obwohl die nun schon seit Wochen die meiste Zeit zu Hause verbringt, halten laut einer aktuellen und repräsentativen Civey-Umfrage immer noch vier von fünf Deutschen die Maßnahmen der Politik für angemessen oder sogar nicht ausreichend. Heißt: Weitere Maßnahmen wie ein generelles Urlaubsreiseverbot würden die meisten nicht nur akzeptieren, sondern sogar begrüßen.
Wer nicht völlig die Augen vor der Realität verschließt, dem ist längst klar: nicht nur der Besuch eines Freibades, Festivals oder Fußballstadions ist 2020 utopisch. Ein Strandurlaub auf Mallorca? Ein Städtetrip nach Rom? Selbst den Ausflug an die Ostsee oder ins Wellness-Hotel können und müssen wir uns für dieses Jahr abschminken. Und das ist den meisten auch klar.

Nein, denn alle würden leiden
Wir Deutschen sind ein reisefreudiges Volk. Die Zahlen belegen das: Im vergangenen Jahr haben wir laut "Statista" mehr als 70 Millionen Urlaubsreisen unternommen. Drei von fünf Bundesbürgern waren demnach 2019 verreist.
Nun komplett auf die Urlaubsreise 2020 zu verzichten, sollte man zum Wohle der Gesundheit von Mitbürgern akzeptieren, doch durchzusetzen wäre dies wohl nicht.
Denn man muss unterscheiden: Wohnt man auf dem Land, hat Garten und Haus, könnte man wohl auch auf die Urlaubsreise für eine gewisse Zeit verzichten. Doch für Menschen, die im Hochsommer in einer Großstadt wie Berlin oder Hamburg in einer kleinen Wohnung ohne Balkon leben, wäre dies kaum auszuhalten.
Auf Auslandsreisen könnte man wohl gut für ein Jahr verzichten, doch die Bevölkerung auch vom Kurztrip zur Nord- oder Ostsee abzuhalten, ist unrealistisch.
Und es gibt ein weiteres Problem: Ein Jahr ohne Urlaubsreisen in Deutschland würde nicht nur die Stimmung der Bevölkerung drücken, sondern wäre auch gleichbedeutend mit dem finanziellen Ruin für viele der mehr als 50.000 Beherbergungsbetriebe in der Bundesrepublik. Und das muss unbedingt vermieden werden.
Wer hat recht?
Im neuen Format "Frage der Woche" kommentieren jeden Samstag Redakteure von t-online.de eines der politischen bzw. gesellschaftspolitischen Top-Themen der Woche.
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