Der Fall Maria Baumer Er flehte bei "Aktenzeichen XY" um Hilfe – und war selbst der Mörder
Maria Baumer verschwindet spurlos, ihre Familie sucht verzweifelt nach Antworten. Ihr Verlobter bittet ein Millionenpublikum im Live-TV um Hilfe – und führt alle in die Irre. Was verheimlicht der Mann, der einst Marias große Liebe war?
Maria Baumer steht am Beginn ihres Lebens. Die 26-jährige Regensburgerin hat gerade ihr Studium der Geoökologie abgeschlossen und ihren ersten festen Job angetreten. Ihr Glaube, ihre Familie und ihr Verlobter geben ihrem Leben Halt. Die Hochzeit ist geplant, die Einladungen sind gedruckt – doch Ende Mai 2012 verschwindet Maria plötzlich.
Was zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnt: Ihr Verschwinden wird zu einem der aufsehenerregendsten Kriminalfälle Deutschlands. Und nicht zuletzt deswegen, weil der Täter live in der Sendung "Aktenzeichen XY" auftritt.
Maria Baumer – eine sozial engagierte junge Frau
Maria Baumer ist eine gläubige und engagierte junge Frau. Sie trägt stets eine Kette mit einem Kreuz und übernimmt als Landesvorsitzende der Katholischen Landjugendbewegung Verantwortung.
Maria wächst in einem Dorf in der Oberpfalz auf und bleibt ihrer Heimat verbunden, auch nachdem sie ihr Studium der Geoökologie abgeschlossen hat. Ihre Zwillingsschwester Barbara ist nicht nur ihre beste Freundin, sondern sieht in Maria eine Beschützerin und ein Vorbild. Das Band zwischen den beiden ist besonders stark.
Auch zu ihren Eltern, die Maria oft besucht, hat sie ein inniges Verhältnis. Die Freude über ihren gelungenen Berufseinstieg und die anstehende Hochzeit ist groß.
Maria ist auch in ihrem Freundeskreis beliebt. Ihre offene und herzliche Art macht sie zu einer geschätzten Freundin, die oft lacht und immer für andere da ist.
Ein Abend wie jeder andere
Den Abend des 25. Mai 2012 verbringt Maria in ausgelassener Stimmung mit ihrem Verlobten und dessen Familie. Doch am nächsten Morgen fehlt von Maria plötzlich jede Spur. Ihr Verlobter erklärt, sie habe noch geschlafen, als er joggen ging. Bei seiner Rückkehr sei sie weg gewesen. Später am Tag habe sie ihn angerufen und ihm mitgeteilt, dass sie eine Auszeit brauche.
Besonders besorgniserregend sind mysteriöse gesundheitliche Probleme, die Maria in den Wochen vor ihrem Verschwinden erlebt. Sie klagt über Erinnerungslücken, die sie sich selbst nicht erklären kann. Bis zu mehrere Stunden fehlen in ihrer Erinnerung, und sie sucht sogar einen Arzt auf, um ernste Ursachen wie einen Schlaganfall auszuschließen. Doch die Untersuchungen bringen keine Klarheit.
Marias Familie meldet sie als vermisst. Hinweise auf einen Aufenthalt in Hamburg oder einem Kloster führen ins Nichts. Monate vergehen. Im Herbst 2012 wird der Fall in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY Spezial – Wo ist mein Kind?" vorgestellt. Allerdings ohne Erfolg.
Ein grausamer Fund
Im September 2013 findet ein Pilzsammler in einem Wald nahe Regensburg ein menschliches Skelett – in unmittelbarer Nähe des Reiterhofs, auf dem Maria regelmäßig Zeit verbringt. Die Polizei stellt fest, dass die Leiche mit einer Mischung aus Kalk und Gips bedeckt wurde, um die Verwesung zu beschleunigen. Unweit des Fundorts liegt ein Spaten – und bei dem menschlichen Skelett handelt es sich um Marias sterbliche Überreste.
Die Ermittlungen richten sich bald gegen Marias Verlobten. Widersprüche in seinen Aussagen und eine Auswertung seiner Bankdaten – unter anderem hatte er einen Spaten gekauft – verstärken den Verdacht. Dennoch reichen die Beweise nicht aus, und er bleibt zunächst auf freiem Fuß.
Ein Doppelleben voller Abgründe
Die Ermittlungen in diesem Fall bringen nicht nur den Mord an Maria ans Licht, sondern auch den Missbrauch an einem Jugendlichen – ebenso wie an einem weiteren Jungen. Dokumentiert per Video. Das belastende Material wird später auf dem Computer des Angeklagten sichergestellt.
2019 führen neue DNA-Analysen zu weiteren belastenden Beweisen: Spuren von Lorazepam und einem Schmerzmittel an der Leiche weisen eindeutig auf Marias Verlobten hin. Zusätzlich hatte er kurz vor Marias Verschwinden nach der "letalen Dosis Lorazepam" gegoogelt – nach der tödlichen Menge des Medikaments.
Noch während seiner Beziehung zu Maria sucht ihr Verlobter den Kontakt zu einer anderen Frau. Ihre Verbindung beginnt harmlos, entwickelt sich aber zunehmend obsessiv. Er schreibt ihr unaufhörlich Nachrichten, selbst am Morgen von Marias Verschwinden. Sein Verhalten wird immer aufdringlicher, bis er sich schließlich heimlich Zugang zu ihrer Wohnung verschafft und ihr unbemerkt ein Beruhigungsmittel verabreicht. Ein Beruhigungsmittel, das auch an Marias Leiche nachgewiesen wurde.
Verurteilung und die Rolle von "Aktenzeichen XY"
Im Dezember 2020 wird der Angeklagte wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass er Maria mit Medikamenten tötete, um seine Lügen – unter anderem sein gescheitertes Medizinstudium, das er verschwiegen hat – zu verdecken. Seine Rolle in der ZDF-Sendung bleibt bis heute einzigartig. Live im Studio gab er sich als verzweifelter Verlobter aus, während er längst wusste, dass Maria tot ist.
Ein besonders makabrer Aspekt des Falls war, dass Marias Verlobter ihren Verlobungsring bewusst in ihrer Wohnung zurückließ, um den Eindruck zu erwecken, sie sei freiwillig gegangen. Später wurde bekannt, dass er Maria vergiftet hatte. Der Prozess, in dem auch Szenen von "Aktenzeichen XY" gezeigt wurden, offenbarte das Ausmaß seiner Täuschungen. Der Mordprozess markierte ein juristisches Novum, da Indizien wie die Google-Suche nach "perfektem Mord" erstmals eine zentrale Rolle spielten.
Ein Leben voller Fragen
Marias Familie bleibt bis heute mit einer zentralen Frage zurück: Warum musste Maria sterben? Eine psychologische Analyse zeigt, dass ihr Mörder unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur litt. Um seine Fassade zu wahren, sah er in Marias Tod wohl eine "Lösung" für alle seine Probleme.
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- Süddeutsche: Fall Maria Baumer: Überzeugt von der Schuld
- Spiegel: Mordurteil im Fall Maria Baumer ist rechtskräftig
- Stern: 3055 Tage
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