Ehrenamt in Kiel Der Grüne Engel der Uniklinik

Zeit für Patienten ist ein rares Gut in Kliniken. Die "Grünen Damen und Herren" schenken am UKSH in Kiel genau das. Als Leiterin der Ehrenämtler kümmert sich Wilma Jessen seit zehn Jahren um die kleinen materiellen und die großen seelischen Belange der Kranken.
Einmal zum Beispiel, erinnert sich Wilma Jessen, sei eine Patientin aus Süddeutschland in die Uniklinik in Kiel gekommen. Die Frau hatte nichts dabei und auch keine Verwandten oder Bekannten in der Gegend, die sie hätten besuchen können.
Einsatz Wilma Jessen: Sie versorgte die Frau mit Zahnbürste, Waschzeug, frischer Kleidung. "Sie war so froh darüber, dass da jemand war, der ihr half, dass sie in Tränen ausbrach", erzählt Jessen. "Sie nahm meine Hand, drückte ganz fest und lächelte dankbar."
Zum Wohlbefinden der Patienten
Dankbar war die Frau nicht nur für die materielle Versorgung, sondern vor allem für den menschlichen Kontakt, die warmen Worte, die Aufmerksamkeit, die Wilma Jessen ihr schenkte. Jessen leitet das ehrenamtliche Team der "Grünen Damen und Herren" am UKSH. "Unsere Hauptaufgabe ist es, den Patienten unsere Zeit zu schenken", beschreibt sie selbst das Tätigkeitsfeld ihres auch als "Grüne Engel" bezeichneten Teams.
Dem Krankenhauspersonal fehle häufig die Zeit, sich die Sorgen und Probleme der Patienten anzuhören. "Wir bemühen uns, zum Wohlbefinden der Patienten beizutragen, indem wir Gespräche führen und zuhören."
Denn wie im Fall der süddeutschen Dame sei nicht immer ein Familienmitglied oder Freund zur Stelle. Manch einer tue sich auch schwer, seine Nöte dem engeren Kreis anzuvertrauen. "Da sind sie froh, wenn sie eine neutrale Person haben, mit der sie sich unterhalten können", sagt Jessen.
Organisation bei eigenem Krankenhausaufenthalt kennengelernt
Die 71-jährige ehemalige Lehrerin ist seit zehn Jahren bei den "Grünen Engeln". "Ich war vor 20 Jahren selber mal Patientin. Da habe ich das erste Mal die Grünen Damen – damals hießen sie noch so – kennengelernt."
Der Besuch der Grünen Dame an ihrem Bett habe ihr so gut gefallen, dass sie beschloss: Wenn sie in Rente geht, macht sie das auch. Zwei Jahre nach ihrem Antritt gab die damalige Einsatzleiterin ihren Posten auf, und Jessen übernahm die Führung. "Ich hatte zunächst gezögert, weil es doch eine große Aufgabe ist. Ich fühlte mich aber auch geehrt, dass ich gefragt worden bin."
"Wissen nicht, was uns hinter der Tür erwartet"
Zuhören, da sein, Hand halten, kleinere Besorgungen machen, wenn etwas fehlt – sei es die Zahnbürste oder etwas zum Anziehen aus der Kleiderkammer der "Grünen Engel". Bei Bedarf stellen sie auch Kontakt zum Sozialdienst oder zur Klinikseelsorge her. "Man muss schon eine ganze Menge an Einschätzungs- und Einfühlungsvermögen mitbringen", sagt Jessen. "Denn wir gehen in jedes Krankenzimmer, ohne zu wissen, was uns hinter der Tür erwartet."
Die meisten Patienten seien sehr dankbar für das Angebot. "Es kann sein, dass wir lange, persönliche Gespräche führen. In anderen Fällen sind wir schon nach wenigen Minuten wieder draußen."
"Es ist manchmal sehr, sehr schwierig"
Manchmal tut es auch schon die praktische Hilfe bei der Bedienung des Fernsehers oder des Telefons. Andere Fälle sind selbst für die Erfahrenen unter den Engeln eine Herausforderung – etwa wenn ein Patient nach einer Diagnose weiß, dass das Leben zu Ende geht. "Das ist dann auch für uns eine sehr belastende Situation", sagt Jessen. "Da fehlen einem häufig die Worte. Aber Worte sind dann vielleicht auch nicht das Richtige. Dann hilft eine Berührung, das Zeigen von Mitgefühl, oft mehr."
"Es ist manchmal sehr, sehr schwierig", sagt Jessen. "Es gibt Geschichten, die man mit nach Hause nimmt und mitleidet."
Warum sie das Ehrenamt macht? "Weil ich darin eine sehr sinnvolle Tätigkeit sehe." Sie mag es, ihre Zeit dafür einzusetzen, anderen Menschen zu helfen. "Ich mache es nicht nur für den Patienten, sondern ich muss zugeben, auch für mich, weil es sehr bereichernd ist." Nach dem Dienst, üblicherweise einmal die Woche von 9 bis 12 Uhr, fühle man sich einfach gut. "Man weiß, dass man den Patienten ein Lächeln gebracht hat. Dass meine Anwesenheit gutgetan hat, dass die Menschen und auch die Klinikleitung es schätzen. Und das erfüllt mich natürlich auch mit Stolz und mit einem guten Gefühl."
Corona lässt Gruppe schrumpfen
Als Einsatzleiterin kommen bei Wilma Jessen zum 9-bis-12-Patientendienst noch weitere Aufgaben dazu. Da ist die allgemeine Organisation, der regelmäßige Besuch der verschiedenen Gruppen des etwa 60-köpfigen Teams, das Planen von Ausflügen und Weiterbildungen. Die Weihnachtsfeier falle dieses Jahr allerdings leider erneut aus – Corona.
Die Pandemie ist auch der Grund, warum zurzeit nur etwa die Hälfte der "Grünen Engel" im Einsatz ist. Die meisten seien bereits etwas älter. Was auch der Grund sei, warum die Gruppe zuletzt immer kleiner wurde, denn der Nachwuchs rücke nicht entsprechend nach. Vor zwei Jahren zum 20. Jubiläum waren es noch etwa 70 "Grüne Engel". "Wir können jeden gebrauchen, der Interesse hat und die Voraussetzung mitbringt", sagt Jessen. Männer übrigens genauso wie Frauen, auch wenn die überwiegende Mehrheit der Engel bisher weiblich ist.
Warum das so sei? "Das ist eine gute Frage", sagt Wilma Jessen. Eine Vermutung liegt ihr auf der Zunge, doch sie möchte nicht gern die üblichen Klischees bedienen. So sagt sie nur: "Wir sind froh um jeden, der zu uns kommt."
- Gespräch mit Wilma Jessen